Wer im Morgengrauen von Süd nach Nord in der Samaria Schlucht wandern geht, kann eine Vielzahl von Tieren beobachten. Geht man jedoch mit den Menschenmassen in entgegengesetzter Richtung, so verringert sich die Chance erheblich, außergewöhnliche Vierbeiner oder interessante Vögel zu entdecken. Alle hier beheimateten Tiere sind von Natur aus scheu und meiden den Menschen.

Die bunte Vogelwelt der Samaria Schlucht

©PhotoArt Claudia Kleemann

Neben Singvögeln wie Stieglitzen, Bach- und Schafsstelzen, Grasmücken, Schwalben, Drosseln, Ringeltauben, Wiedehopfe und Eichelhäher trifft man häufig die hier ansässigen Rebhühner an. Die zutraulichsten Gesellen sind jedoch die Eichelhäher, die an den Rastplätzen darauf warten, dass den Touristen der eine oder andere Lebensmittelrest aus der Hand fällt.

Außerdem leben in der Samaria-Schlucht – ebenso wie in einigen anderen Schluchten und den Gebirgen Kretas – einige seltene Raubvögel. So kann man mit ein wenig Glück hoch in den Lüften Gänsegeier, Bartgeier, Bonelli-Adler und die seltenen Goldadler kreisen sehen.

Das Kretische Nationaltier „Kri-Kri“

Mit ein wenig Glück bekommt der interessierte Wanderer kleinere Säugetiere wie Dachse, Iltisse und Hasen zu sehen. Seltener dagegen ist ein Zusammentreffen mit den Bewohnern der Fledermauskolonien, die sich in den Höhlen und Spalten der imposanten Felsgebilde befinden.

Kri-Kri bei der Nahrungssuche (oder bei Aufräumarbeiten?) ©PhotoArt Claudia Kleemann

Das wohl bekannteste Tier der Samaria Schlucht ist die kretische Wildziege, die den meisten unter den Namen Kri-Kri oder Agrami bekannt sein wird. Das Fell dieser friedlichen Tiere zeigt sich in einem hellen Braun, über das sich ein dunkler Aalstrich vom Nacken bis auf den Rücken zieht. Je älter ein Tier ist, desto ausgeprägter wird diese markante Zeichnung. Das Sommerfell der Kri-Kris ist rötlich braun, das Winterfell dagegen langhaariger und grau. Die Geißen der Wildziegen wiegen etwa 15 Kilogramm, die ausgewachsenen Böcke bringen stolze 40 Kilogramm auf die Waage. Sie verfügen über zwei 80 Zentimeter lange, nach hinten gebogene Hörner, ähnlich dem Steinbock. Markant (und zuweilen recht lustig zu beobachten) ist ihr langer Ziegenbart, bei dem mancher Hipster einen neidischen Seitenblick nicht vermeiden kann. Die Böcke können ein Alter von zwölf bis achtzehn Jahren erreichen.

Wie alle Ziegen ist auch die Kri-Kri ein Wiederkäuer. Die scheuen Tiere äsen meist in der Dämmerung oder nachts. Ihre Nahrung besteht aus Blättern, Knospen, Trieben, Gräsern und Kräutern. Wie auch einige andere Hochgebirgsbewohner hat die kretische Wildziege zweigeteilte Hufe, die ihr ermöglichen, sich sehr schnell und sicher an sehr steilen Hängen fortzubewegen. Dabei sorgen sie immer wieder für spektakuläre Anblicke, weil es nach unserem menschlichen Ermessen kaum möglich ist, die gewagten Kletterpassagen unfallfrei meistern zu können – und dabei auch noch elegant auszusehen. 

Wegen Fleisch und Horn fast ausgerottet

Früher waren die Kri-kri auf ganz Kreta verbreitet. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Tiere jedoch aufgrund ihres schmackhaften Fleisches und ihres Gehörns zur Bogenherstellung so stark bejagt, dass sie nur noch in der Samaria-Schlucht und anderen Bereichen der „Weißen Berge“ ein Rückzugsgebiet fanden. Um 1960 war der Bestand auf erschreckende 200 Tiere geschrumpft. Dieser Seltenheitsstatus war einer der Gründe, dass die Samaria-Schlucht in den 1960er Jahren zum Nationalpark erklärt wurde.

Glücklicherweise leben heute wieder etwa 2.000 Wildziegen Kreta. Obwohl die Tiere streng geschützt sind, werden sie auch heute noch wegen ihres zarten Fleisches gejagt. Wer sich dabei erwischen lässt, muss mit hohen Geldstrafen oder sogar mit einer Inhaftierung rechnen. Wir sagen: Richtig so!

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(Claudia Kleemann)