Viele Reisende werden sie sicherlich schon gesehen haben, die löchrigen Schilder auf Kreta. Vor allem in den Bergen findet man fast kein einziges, das nicht vollkommen zerschossen wäre.

Da stellt sich die Frage nach dem „Warum?“ Es gibt einige Gründe und Erklärungen hierfür:

Rechtsabbiegen als Risiko – zumindest für das Schild ©PhotoArt Claudia Kleemann

Grundvoraussetzung, dass so etwas überhaupt geschehen kann, ist der Waffenbesitz auf der Insel: Etwa 80 Prozent der Kreter, vielleicht auch noch mehr, besitzen mindestens eine Schusswaffe, ob nun erlaubt oder unerlaubt. Nach Schätzungen der griechischen Polizei sollen sich rund 700.000 unangemeldete Waffen auf Kreta befinden. Das ist die Hälfte der in ganz Griechenland vermuteten illegalen Waffen. Diese hohe Zahl ist traditionell darauf zurückzuführen, dass sich die Kreter in Zeiten der Belagerung immer selbst verteidigen mussten.

Insofern könnte sich also einfach der Freiheitsdrang und das Streben nach Unabhängigkeit im Waffenbesitz wiederfinden. Man schießt eben heutzutage nur auf die Schilder, nicht auf Tiere oder Menschen. Damit beweist man dem Rest der Welt auch, dass man bewaffnet ist. Außerdem macht der stolze Kreter ohnehin nur das, was er will. Er beugt sich nicht, vor allem nicht der Obrigkeit gegenüber. Auffällig ist, dass die Anzahl durchlöcherter Schilder stark zunimmt, je mehr man in den Süden kommt. Warum? Dort wohnen die Sfakier, die Anogier, etc. die seit Jahrhunderten bei jeder Belagerung erheblichen Widerstand geleistet haben.

Schüsse als Reaktion auf zweisprachige Ortschilder

Ein weiterer Grund für viele zerschossene Straßenschilder dürfte deren neue Beschriftung sein. Vor einigen Jahrzehnten noch waren sie ausschließlich griechisch beschriftet. Per Gesetzerlass wurden die Ortsnamen dann auch mit lateinischen Buchstaben versehen. Das gefiel vielen stolzen Kretern überhaupt nicht, denn sie lieben ihre Muttersprache – sowohl gesprochen als auch geschrieben. Einfache Lösung: Man beschießt die Schilder aus Unmut über die zweisprachige Ausführung. Ohnehin wurde mit diesem Beschluss in den Augen der Kreter ein Tabu gebrochen: Irgendein Beamter aus Athen oder Heraklion maßt sich an zu entscheiden, wo das eigene Dorf anfängt und aufhört. Natürlich werden diese neu festgelegten Ortgrenzen nicht einfach hingenommen. Also was tun? Ganz einfach, man jagt den den neuen Schildern erst einmal eine Ladung Schrot durchs Metall.

Schilder als Blitzableiter im Nachbarschaftsstreit

Es gibt einige Konkurrenz unter den kretischen Dörfern und Nachbarkeitsstreitigkeiten (Familienehre) sind nicht selten anzutreffen. Im Kampf darum, welches Dorf das schönere oder reichere ist, wird schon einmal zur Waffe gegriffen und losgeballert. Verletzt werden dabei heutzutage zum Glück nur noch die Schilder.

Jugendlicher Übermut

Trotzdem es anders aussieht, die meisten Kreter sind im Herzen sehr tierlieb ©PhotoArt Claudia Kleemann

Die wohl  häufigste Ursache für das Zerschießen der Straßenschilder ist jugendlicher Übermut. Man trifft sich mit seiner Clique und misst sich beim Beschuss der Schilder. Dieser Aspekt wird auch dadurch bestätigt, dass nicht nur Ortsschilder, sondern auch jedwedes andere Straßenschild durchlöchert ist. An den Durchmessern der Einschüsse ist erkennbar, dass nicht nur mit Schrot, sondern auch mit klein- und großkalibrigen Waffen geschossen wird.

Bei der Schießerei auf diverse Straßenschilder kam bis heute glücklicherweise kaum jemand zu Schaden. Anders ist es bei der mittlerweile verbotenen traditionellen Freuden-Ballerei auf Hochzeiten. Hier kam es schon häufiger zu Verletzten oder Toten – natürlich unbeabsichtigt.

Mehr interessante Informationen über Kreta findest Du hier

(Claudia Kleemann)