Einfahrt ins Dionysos Village

Geisterstadt – wer denkt da nicht gleich an den Wilden Westen, an Abenteuer-hungrige Goldgräber, die enttäuscht weiterzogen, wenn ihre Suche nach dem glänzenden Edelmetall erfolglos war? Aber man muss weder so weit im Buch der Historie blättern noch irgendeinem Cowboy mit Spitzhacke und Colt begegnen, um eine solche Geisterstadt auch in unseren Gefilden zu besuchen. Genauer gesagt, kurz hinter Sitia auf dem Weg zum Palmenstrand Vai wird man im Dionysos Greek Village fündig. Und ein weiterer Fakt gleicht dem amerikanischen Vorbild der vergangenen Tage: Auch hier erbauten Goldsucher ein Areal, von dem sie sich Reichtum und Wohlstand versprachen, bevor sie es desillusioniert verließen.

Disneyland ohne Besucher

Ein wenig bedrückend ist das Gefühl schon, als meine Verlobte und ich auf die Siedlung zufahren. Zur linken erschreckt uns ein Strand, der im Müllchaos versinkt. Direkt dahinter zieht sich ein unwirklicher Ort den Hang hinauf. All das soll unbewohnt sein? Schwer vorstellbar. Ein skurriles Tor bildet den Eingang, durch den ursprünglich die Massen nach Dionysos Village strömen sollten. Doch Missmanagement, Unterschlagungen und persönliche Eitelkeiten sorgten dafür, dass dieses ehrgeizige Projekt zu sterben begann, bevor es wirklich zum Leben erweckt wurde. Geblieben sind Ruinen, die an die Fassaden des Phantasialands erinnern, nostalgische Einblicke und jede Menge Fragezeichen.

Säulen, die nie fertiggestellt wurden

Wir spazieren durch die terrassenförmig angelegten Gassen. Überall sehen wir phantasievoll erbaute Eigen- bzw. Ferienunterkünfte. Kein Haus ähnelt dem anderen, denn das war eine der Besonderheiten in Dionysos Village. Zum Teil sind sie noch in überraschend gutem Zustand, zum Teil fallen sie bereits in sich zusammen. Die Pools sind verdreckt, kein Tropfen Wasser befindet sich mehr darin. Die Shops in der ehemaligen Einkaufspassage lassen beim Blick ins Innere vermuten, dass deren Betreiber die Anlage fluchtartig verlassen und ihr Inventar einfach liegengelassen haben. Das Zentrum am obersten Punkt der Anlage ist einem mächtigen minoischen Palast nachempfunden. Die linke Seite wird von riesigen Säulen geziert, rechts wurden deren Pendants nicht mehr fertiggestellt und zerfallen zusehends.

Große Pläne für Dionysos Village  

Wir entdecken das Immobilienbüro. Hinter verdreckten Scheiben sind zwei Miniatur-Modelle von Dionysos Village zu erkennen, mit deren Hilfe die Makler einst die Häuser an den Mann oder die Frau gebracht haben. Es erschreckt, dass die Stadt, die wir sehen, nur das Zentrum der größenwahnsinnigen Pläne darstellen sollte. Die Anlage war weit größer geplant, den Hang hinauf bis zur Spitze, etwa dreimal größer, als es jetzt der Fall ist.

Es mag vielleicht 15 Jahre her sein, da wurde Dionysos Village von den Erbauern europaweit beworben und dessen Häuser zu überteuerten Preise verkauft. In überschwänglichen Worten wurde das Projekt noch in höchsten Tönen gelobt: „Dionysos Greek Village ist eine Mustersiedlung, die mit dem Schwerpunkt auf der Qualität und Innovation in der Bedienung der Kunden geschaffen wurde. Professionalität, Höflichkeit und Respekt gegenüber der Umwelt und dem Menschen sind die grundlegenden Werte, die ihnen eine fröhliche und entspannte Urlaubsatmosphäre garantieren.“ Große Worte, geblieben ist davon nichts.

Leben in der Geisterstadt

Die gepante Ladengalerie ist längst verwaist

Wir haben genug gesehen. Meine Verlobte will noch Fotos vom Eingang machen, während ich das Auto holen gehe. Plötzlich sehe ich einen älteren Mann, der auf einer Veranda in eine Illustrierte vertieft ist. Verdammt, ist das der letzte Einwohner? Oder ein Geist? Oder ein Goldgräber mit dem Finger am Abzug? Ehrlich gesagt sieht er ganz friedlich aus, aber man weiß ja nie. Vor allem nicht in Dionysos Village. Ich nehme meinen Mut zusammen und spreche ihn an. Anstatt mir die erwartete Kugel in den Kopf zu jagen, lächelt er mich an und deutet mir, mich zu ihm zu setzen. Seine spitzbübischen Augen blinzeln mich an und er stellt sich als Nikos vor. Nikos ist vielleicht 70 Jahre alt, wirkt entspannt und zufrieden mit sich, seinem Leben und der Aussicht auf das endlose Meer. Über die korrupten Zeiten von Dionysos Village reden, nein, das möchte er nicht. Er hat hier vor drei Jahren sein Haus gekauft und jetzt wohne er eben hier in dieser Anlage. Er und vielleicht noch acht andere Personen, die er aber nur selten sehen würde. Zu erklären, was nach dem Bau des Ortes und dem Verkauf der Häuser passiert wäre, würde einige Stunden in Anspruch nehmen. „Da haben diese Verrückten ein riesiges Chaos veranstaltet. Das kann man heutzutage gar nicht mehr erklären“, lacht Nikos. „Besser, man spricht nicht drüber.“

Zukunft? Die gibt es hier nicht

Der Mann erzählt, dass er die Ruhe genießt. Zwar vermisse er, dass einer der Pools mit Wasser gefüllt wird, wie es in den letzten Jahren in den Sommermonaten der Fall war. In dieser Zeit hätte sogar ein Kiosk geöffnet und man konnte mit dem einen oder anderen verirrten Reisenden ein Bier trinken. In diesem Jahr hätte man wegen der Corona-Pandemie darauf verzichtet. Ich frage ihn, ob dies wirklich der Grund gewesen wäre. Niko schüttelt den Kopf. „Bullshit! Es ist ihnen einfach zu teuer. Und kommen tut ohnehin niemand mehr hierher.“

Ein Pool, in dem es keinen Tropfen Wasser gibt

Über Jahre hätten die Besitzer von Dionysos Village gewechselt, erzählt Nikos. Aber alle hätten aufgegeben oder die Anlage nur für zwielichtige Geschäfte genutzt, bis sie die Stadt wieder veräußert haben. Irgendein Unternehmen habe die Anlage jetzt wohl wieder gekauft. Aktuell stehen auch sie vor Gericht. Nikos zuckt mit den Schultern. „Es ist egal, was juristisch entschieden wird. Hier passiert ohnehin nichts. Wen schert es da, wer der Besitzer ist?“

Wir sprechen weiter, schauen aufs Meer und ich fühle plötzlich gar nicht mehr von der Stadt bedrückt. Nikos positives Lebensgefühl überträgt sich auch auf mich. Irgendwann erinnere ich mich daran, dass meine Verlobte an dem verwilderten Eingang steht und schon lange auf mich wartet. Es wird Zeit, das ich mich verabschiede. Zum Abschluss frage ich Nikos, ob er nicht wieder hier wegziehen und in einer „normalen“ Stadt leben wolle.

„Bin ich verrückt?“ Nikos starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Ich habe 50 Jahre in Athen gelebt. Kriminalität, Lautstärke und Hektik. Was soll ich da? Hier habe doch ich alles, was ich benötige. Meer, Ruhe und Frieden.“

Ich verabschiede mich, sammle die beste Frau von allen am Eingang ein und fahre zurück. Nikos bleibt mir im Gedächtnis und ich frage mich, ob er wirklich so falsch liegt…

(LaK)

1 KOMMENTAR

  1. Hallo,

    sehr schöner Beitrag, Kompliment! Hat mir noch ein paar Hintergrundinfos geliefert. Genau so haben wir das 2016 auch erlebt – ohne allerdings mit jemandem zu reden. Wir haben uns erst kaum reingetraut, hielten das für eine abgeschlossene Anlage. Wir haben doch noch einen Kaffee in dem Kiosk am (damals noch gefüllten) Pool bekommen und auch ein paar wenige Leute gesehen.

    Wir vermuteten schon, dass sich die Investoren übernommen hatten. Wir haben uns ziemlich ausgiebig umgesehen – viele schöne Fotomotive in diesem Lost Place, von (wenigen) hübsch gepflegten Häusern und Gärten bis hin zu (vielen) Ruinen. Besonders beeindruckt hat uns der fast 100 Meter lange Pool im unteren Teil – leider leer und ruinös.

    Wir hatten auch den Eindruck, dass Wind und Meer dort sehr schnell zum Verfall führen – so alt kann die Anlage ja noch nicht sein.Das Meer tobt ja auch bei schönem Wetter ziemlich und nagt an diesem kaum begehbaren Strand. Wir haben das Mittelmeer hier im Nordosten erlebt wie sonst nur den Atlantik. Ich weiß nicht, ob das ganzjährig so ist. Wir waren erst dies eine Mal auf Kreta – völlig begeistert übrigens.

    Viele Grüße
    Stefan Dangel