Griechische Mythen und Legenden gibt es zu Hauf. Welche davon wahr sind, werden wohl nur die Götter wissen. Manchmal allerdings hilft der Zufall ein wenig nach, um die Wahrheit ans Licht zu bringen – wie in diesem Fall.

Manch einer hat wahrscheinlich schon von dem vergessenen Dorf gehört, das tief im Tripti-Gebirge verborgen ist, und bis heute weder über Strom noch über fließend Wasser verfügt. Der Name dieses Ortes ist Viotia. Der Legende nach soll es hier, im vergessensten Winkel Kretas, einige Absonderlichkeiten geben, die der aufgeklärte Mitteleuropäer sofort in das Land der Märchen verweisen würde. So heißt es, dass die Bevölkerung von Viotia schneller altern würde, weit schneller als im Rest der Welt. Was das wirklich Besondere an diesem magischen Ort sein soll, ist, dass die Ziegen von Viotia angeblich sprechen können sollen.

Der Mann, der die Legende bezeugt

Patroklos S. behauptet, den Standort von Viotia zu kennen.

So weit also die Legende, eine von Tausenden. Nachprüfen kann man das wahrscheinlich ohnehin nie, denn der Ort ist auf keiner Karte verzeichnet und ohnehin wahrscheinlich nur Ausdruck kretischer Phantasie. So glaubten wir zumindest, bis uns Patroklos S. begegnete, ein junger Mann, der in einer kleinen Olivenpresse nahe Ierapetra arbeitet. Er behauptet, dieses Dorf wirklich zu kennen. Sein Großvater, so sagt er, würde noch immer dort leben. Grund genug, die Erzählungen von Patroklos zu überprüfen. Was uns, das Team von „Leben auf Kreta“, erwarten sollte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen.

Mit einer handgezeichneten Skizze auf dem Armaturenbrett machen wir uns auf den Weg, Viotia zu finden. Wer das Tripti-Gebirge kennt, der weiß, dass die Straßen hier zuweilen abenteuerliche Ausmaße annehmen können. Verlässt man diese Fahrwege, so mehren sich die Schlaglöcher in der gleichen Menge, wie Verkehrszeichen und Straßenbegrenzungen abnehmen. Selbst für bergerprobte Esel wäre diese Strecke eine Herausforderung. Und dann passiert es wirklich – hinter einer engen Biegung erblicken wir irgendwo im Nichts plötzlich eine lose Ansammlung von Häusern und Baracken. Im ersten Moment wissen wir nicht, ob dieser Ort bewohnt ist, bis uns eine (natürlich in tiefes schwarz gekleidetes) Mütterchen entgegenhumpelt.

Wir fragen: „Viotia?“

Sie stampft mit der Krücke auf den Boden. „Naí, Viotia.“, antwortet sie mit krächzender Stimme und beachtet uns nicht weiter.

Die Skepsis der Einwohner

Erste Eindrücke lassen daran zweifeln, dass hier noch jemand lebt.

Scheinbar haben wir es geschafft und wirklich einen der letzten unberührten Plätze Kretas entdeckt. Patroklos hatte also die Wahrheit gesagt. Wir parken den Wagen, irgendwo, wo man ihn nicht sofort sehen und für ein außerirdisches Flugobjekt halten könnte. Wir gehen durch die wenigen Gassen, ausgesprochen vorsichtig, um nicht irgendetwas falsch zu machen. Zwei Männer, vielleicht um die 80, sitzen vor einer baufälligen Hütte und beobachten uns skeptisch. Wer weiß, wann sie zuletzt jemanden gesehen haben, der nicht aus Viotia stammt. Dazu unsere Shorts und die Flip Flops. Wir kommen uns deplatziert vor.

Kaum haben wir uns den Blicken der beiden Herren entzogen, endet auch schon unser Rundgang. Wie viele Menschen hier wohl leben mögen? 15? 20? Vielleicht sogar 25? Eine Tür öffnet sich und ein mürrisches Gesicht sieht uns an.

„Tourists?“

Der Mann hat wilde, graue Haare, spitzbübische, funkelnde Augen und geht uns vielleicht gerade einmal bis zum Schulterblatt. Wir stellen uns kurz vor und erzählen ihm, weshalb wir hier aufgetaucht sind. Als wir den Namen Patroklos erwähnen, verzeiht er das Gesicht und schnalzt verächtlich mit der Zunge. Plötzlich weist er auf eine Ecke und deutet uns mitzukommen. Wir folgen.

Vor einer weiteren Baracke stehen fünf alte Stühle und ein baufälliger Tisch.

Bürgermeister ohne Stadt

„Sit!“, befiehlt der Mann und wir gehorchen. Eine alte Frau kommt aus der Tür und der Mann ruft ihr etwas zu, was wir nicht verstehen.

Überraschenderweise entpuppt sich unser neuer Guide als recht guter Englisch-Sprecher, selbst an seinen harten, schottisch anmutenden Akzent gewöhnen wir uns schnell. Er stellt sich als Adrastos vor. Adrastos scheint so etwas wie der Bürgermeister des Dorfes zu sein, zumindest behauptet er dies. Wir konfrontieren ihn mit den wilden Legenden, die man über sein Dorf erzählt. Er zuckt mit den Schultern.

Bürgermeister Adrastos (~38) bemüht sich nicht, seine Skepsis zu verheimlichen.

„Keine Ahnung, ob wir schnell alt werden. Ist doch egal.“, sagt er, während sich zwei Straßenkatzen an seinen Beinen reiben. Er wäre ungefähr 36, erklärt er uns. Wir starren ihn an und fragen uns, ob wir uns verhört haben. Die alte Dame bringt vier Gläser, nicht sonderlich gut gereinigt, alle gefüllt mit einer weißen Flüssigkeit.

„Ziegenmilch“, erklärt Adrastos. „Very good.“

Ein kühles Bier wäre uns lieber gewesen, aber wir wollen nicht unhöflich erscheinen. Zugegeben, die Milch schmeckt frisch und ausgesprochen gut. Nur kalt ist sie nicht. Wie auch, in einem Dorf ohne Kühlschrank.

Irgendwann versuchen wir, das Gespräch auf die zweite Legende zu lenken, die uns hierhergetrieben hat: die sprechenden Ziegen. Damit konfrontiert spuckt Adrastos verächtlich auf den Boden. Scheinbar hatten wir einen wunden Punkt angesprochen, ohne dies zu ahnen. Verärgert deutet er in Richtung Kapelle. „Da ist der Ziegenmann. Geht dahin.“

Wir wollen zahlen, aber Adrastos wedelt uns förmlich davon. Geld, nein das will er nicht. Es wirkt, als hätten wir ihn beleidigt.

Die Güte des Priesters

Wir erreichen die Kapelle und spüren die misstrauischen Blicke von Adrastos in unserem Rücken. Gerade, als wir vorsichtig die Klinke herunterdrücken wollen, ertönt eine Stimme. Wir schauen um das Gebäude herum. Dort sitzt in einem schattigen Plätzchen vollkommen entspannt der Priester in seiner Robe. Er, schlank, über 1,90 Meter groß, scheint weit zugänglicher zu sein als der Bürgermeister. Zumindest heißt er uns erst einmal herzlich willkommen. Auch sein Englisch ist durchaus passabel. Sein Name sei Savvas und er sei der örtliche Priester, erklärt er uns unaufgefordert. Nein, griechisch-orthodox wäre er nicht. Er gehört den Polytheisten an, ebenso wie sein Vater und dessen Vater. Wir setzen uns zu ihm, einer auf die Bank, zwei zu seinen Füßen in den Sand.

Er fragt uns, wie wir Viotia gefunden hätten. Hier wäre seit Jahren kein Mensch mehr gewesen, der nicht hier wohnen würde. Wir erzählen ihm von dem Gespräch mit Patroklos, dem Mann aus der Olivenpresse. „Patroklos“, der Priester blickt zum Himmel. „Mit mehr Haaren wäre ein ordentlicher Esel aus ihm geworden.“

Die sprechenden Ziegen

Wir genießen den Augenblick, das Gefühl, mit Priester Savvas jemanden gefunden zu haben, der uns nicht augenblicklich in die Hölle wünscht. Trotzdem fällt uns auf, dass er nichts darüber erfahren will, wie wir leben. Wahrscheinlich schreckt ihn unser sonnenangepasstes Outfit dermaßen ab, dass er auf keinen Fall wie jemand von uns werden will.

Der Geistliche Savvas (29), der „Herr der Ziegen“

„Viotia ist die Welt“, sagt er und zeigt mit einer ausschweifenden Geste auf die Berge um sich herum. Und dann, als wir gerade nicht wirklich wissen, was wir sagen sollen, lächelt Savvas und sagt: „Ihr habt mit Adrastos gesprochen.“ Wir nicken, als wären wir auf frischer Tat beim Diebstahl von stachligen Feigen erwischt worden. „Er ist ein alter Narr.“, fährt Savvas fort und blickt wieder gen Himmel.

„Wie lebt man hier?“, fragen wir, nur um direkt danach festzustellen, dass einem diese Frage beim Journalistik-Studium um die Ohren geflogen wäre.

„Ruhig“, antwortet Savvas. „Sehr ruhig mit den Bergen, den Menschen, den Katzen und den Ziegen.“

„Stimmt es, dass die Ziegen sprechen können?“

Savvas schaut uns an. „Natürlich“, wieder lächelt er. „Man muss nur zuhören.“

Ein nachdenklicher Abschied

Langsam versinkt die Sonne hinter dem Gebirge. Wir spüren, dass es Zeit wird, zu gehen. Es wäre auch keine gute Idee, die holprigen Pisten in der Dunkelheit zurückzulegen. Bei unserer Verabschiedung sagt Savvas: „Ich bin übrigens 29. Nur, falls Ihr das wissen wolltet.“ Wir hatten nicht danach gefragt.

Wir sehen uns verwirrt an, sagen aber nichts. Zu unserem Auto nehmen wir den kleinen Stolperpfad, der hinter der Kapelle entlangführt. Auf einem Hang, vielleicht 200 Meter entfernt, entdecken wir einige Ziegen beim Grasen. Die Zeit lässt es noch zu, dass wir näher gehen. Die Herde ist aufgeregt und einige Ziegen springen wild umher. Wir hören ihr Meckern. Es ist nichts, was wir noch nicht gehört hätten. Aber natürlich nicht, was hatten wir auch erwartet.

Wir verlassen die Tiere und diesen seltsamen Ort. Plötzlich nehmen wir wahr, wie sich in unseren Rücken die Herde beruhigt. Noch immer können wir sie hören. Und warum auch immer, wir alle haben das Gefühl, dass sich der Klang ihres Mähens in unseren Ohren ändert. Es scheint fast so, als ob ein gleichbleibendes Murmeln auf dem Hang entstanden ist, ein Murmeln, wie wir es noch nie zuvor gehört haben. Es kommt von den Ziegen und hört sich doch an wie eine debattierende Menschenmenge. Wir steigen in unser Auto und sind froh, dass wir bald wieder in der Realität ankommen werden.

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(LaK)