Jeder, der Kreta einmal bereist hat, kennt sie: die Schilder, die Alt von Neu trennen. Aber was steckt eigentlich dahinter?

Nachdem die Insel sich nach und nach zu einem potenziellen Ort für sonnen- und erlebnishungrige Reisende etablierte, konnten die gegebenen Straßenverhältnisse dem Ansturm kaum noch standhalten. Nicht, dass es auf Kreta jemals viele Staus gegeben hätte. Trotzdem boten die oft engen und verwinkelten alten Straßen keinerlei Komfort für Reisende, die die Insel erkunden wollten. Außerdem waren weite Fahrten auf Kreta ein zeitraubendes Unterfangen. Dies verhagelte so manch einem, der gerade ein Auto gemietet hatte, doch die Freude an seiner Tour. Also wurde kurzerhand der Entschluss gefasst, die wichtigsten Verbindungen durch „National Roads“, besser bekannt als „New Roads“, zu ersetzen.

Wenn der Berg im Weg steht

Traditionell lieben es die Kreter, wenn es richtig knallt. Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass kaum jemand Widersprüche anmeldete, als man begann, Bereiche des einen oder anderen Berges mit ein paar Stangen Dynamit in seine Einzelteile zu zerlegen, um der geplanten Schnellstraße Platz zu machen. Wer heute eine New Road entlangfährt, der wird des Öfteren Zeugnisse der kretischen Sprengkunst „bewundern“ können. Im Laufe der Zeit entstanden so die zwei großen Schnellstraßen Kretas: die nördliche Verbindung zwischen Chania und Agios Nikolaos (über Rethymnon, Heraklion und Kastelli), und die Schnellstraße zwischen Agios Nikolaos und dem südlich gelegenen Ierapetra. Diese können Touristen und Einheimische jetzt teilweise sogar als zweispuriges Schnellfahrerlebnis mit erheblicher Zeitersparnis nutzen. Was aber wurde aus den Old Roads?

„Leben-auf-Kreta“-Programmierer Frankie hervorragend gelaunt bei der Old Road-Tour

Man kann sie an vielen Stellen sehen, die kleinen Straßen, die sich zuweilen über viele Kilometer in Sichtweite oder sogar parallel zu den New Roads durch die Landschaft schlängeln. Fahrzeuge sieht man dort nur noch selten. Eigentlich schade, denn die Old Roads zeigen sich vielmals in einem besseren Zustand, als man erwartet. Gerade bei einem Motorradausflug liegt der Spaßfaktor um ein Vielfaches höher als auf den modernen Verbindungswegen. Darüber hinaus verlaufen die alten Straßen oft nahe dem Meer oder schmiegen sich anschaulich an die Ausläufer der Berge, die inzwischen durch den Bau der New Roads ihren natürlichen Verlauf eingebüßt haben. Die Ausblicke sind zuweilen atemberaubend und man denkt sich: „Schade, dass das so wenige genießen wollen.“

Die Old Roads leben noch immer – nur langsamer

Wer etwas Zeit hat, der sollte einen Abstecher auf die Old Road riskieren. Nicht nur, dass man hier mit weit weniger Verkehr zu rechnen hat. Es erwarten einen unbekannte Aus- und Einblicke in das Kreta früherer Zeiten. Da trifft man schon einmal ein verrottendes Fischerboot im Garten eines Einwohners oder auch die idyllische Taverne, die in aller Ruhe ihr Dasein fristet und wo jeder Gast umso freudiger empfangen wird.

Die Umleitung des Verkehrs hat gerade in der Hauptsaison zu ungeahnten Folgen für so manchen Gastronomen und Hotelier geführt. Wer sein Geschäft nahe der jahrzehnte-alten Straßen postiert hatte und sich aufgrund der damals exponierten Lage lange Zeit über guten Umsatz freuen konnte, der stand plötzlich vor dem Problem, dass die Autos (und damit auch die potenziellen Kunden) nun woanders entlangfuhren. Ohne Zweifel schlecht für`s Geschäft! Dabei sind neben der sich erholenden Natur genau diese kleinen Geschäfts-Oasen die Schmuckstücke der Old Roads. Idyllisch gelegen und nicht vom Tourismus übervölkert lohnt es sich, dort in aller Ruhe zu verweilen, einen Cafe Frappee zu trinken und ein Schwätzchen mit dem Besitzer der Taverne zu halten.

Immer ruhig, Brauner

„Leben auf Kreta“-Redakteur Ingo beim erfolglosen Versuch, ein Leben ohne Navigationssystem zu führen

Hat man auf Kreta vielerorts ohnehin den Eindruck, dass die Uhren langsamer laufen, so steht die Zeit auf der Old Road zuweilen komplett still. Das wird grade dann ersichtlich, wenn einem ein Bauer auf einem tollkühnen Gefährt entgegenkommt, bei dem es alleine schon ein Wunder ist, dass es sich überhaupt noch bewegt. Eben jener Bauer nutzt die Old Road seit vielen, vielen Jahren und sieht überhaupt keine Notwendigkeit, sich den zuweilen halsbrecherischen Überholmanövern der New Road auszusetzen. Warum auch? Er ist Krete und hat dementsprechend immer genug Zeit, seine Fahrten zu genießen. Ein Wesenszug, von dem wir durchgetimten Mitteleuropäer durchaus etwas lernen können.

Wer wirklich Erholung sucht, der sollte sich den einen oder anderen Abstecher über die Old Road nicht nehmen lassen. Diese natürliche Entschleunigung tut dem Kopf gut und wird mit vielen neuen Aussichten und Eindrücken belohnt. Übrigens: Der Zustand der New Roads hat in Teilen inzwischen schon sehr gelitten. Da gibt es durchaus Streckenabschnitte auf den kretischen Old Roads, die weit weniger Schlaglöcher aufweisen.

Weitere spannende Kreta-Informationen gibt es hier

(LaK)

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