Kolumne von Ingo Blisse

Gestern hat die Bundesregierung den Lockdown verlängert – bis Ende Januar. Wenige Tage zuvor gab die griechische Regierung bekannt, dass die harten Einschränkungen bis mindestens zur kommenden Woche aufrechterhalten und dabei sogar noch verschärft werden. Natürlich, die eigenen Reisepläne sind längst darauf abgestimmt und nur wirkliche Abenteurer versuchen in diesen Tagen, von Deutschland nach Kreta zu fliegen. Und trotzdem, das Fernweh nimmt immer weiter zu und die Wettervorhersagen für die Insel tragen ihr Übriges dazu bei – frühlingshafte Temperaturen dort anstelle verregneter 0°C hier.

Sehnsucht hat einen Namen: Souvlaki

Denke ich sehnsüchtig an Kreta, so schleicht sich ein überraschendes Bild in meine Gedanken. Nein, es ist nicht der Strand, nicht das Meer und nicht die ausgelassene Abendstimmung auf dem belebten Dorfplatz. Es ist frisch zubereiteter Souvlaki, garniert mit leckerem Zaziki, der sich an die weichen Schenkel der öligen Pommes schmiegt, gleich einem Liebespaar, das untrennbar zusammengehört. Romeo und Julia auf einem Plastikteller voller leckerer Leidenschaft. Ohne es zu wollen, läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Kann es denn wirklich sein, dass es das ist, was ich am meisten vermisse? Dann sollte man mir ein sofortiges Einreiseverbot erteilen, am besten lebenslang! Auf der anderen Seite frage ich mich, was ich dagegen tun kann? Klar, bei Lieferando ein Souvlaki-Gericht bestellen, am besten gleich den Odysseus-Teller, denn da ist auch noch Gyros und Bifteki dabei. Aber das ist nicht das gleiche. Es würde die beste Zutat zum Souvlaki fehlen – und das ist der Strand und das Meer oder alternativ die ausgelassene Stimmung auf der Platia.

Plötzlich und vollkommen unerwartet passiert es: Ich denke an den Social Media-Experten aus dem „leben-auf-kreta.de“-Team: Tom. Seine Freundin ist Kretin und darĂĽber hinaus eine Souvlaki-Göttin. Häufig hat sie uns mit einem Tablett gerillter FleischspieĂźe ĂĽberrascht und uns somit den Abend versĂĽĂźt. Genau sie könnte die Lösung all meiner Probleme sein! Einen kurzen Moment ĂĽberlege ich, ob ich sie nicht kurzerhand entfĂĽhren und nur gegen ein Lösegeld von 200 selbstgemachten Souvlakis wieder freilassen sollte. Aber das könnte zu Problemen zwischen der Redaktion und dem Social Media-Bereich fĂĽhren. Ich entscheide mich dagegen. Eine andere Lösung muss her – und das schnell!

Die vielen Gesichter der Sehnsucht

Die Sehnsucht nach Kreta mag bei den wirklichen Insel-Liebhabern gleiche oder ähnliche Empfindungen hervorrufen. Vielleicht ist es nicht zwingend das Gefühl, den Ruf des Schweine-Fleischspießes über tausende Kilometer zu hören. Vielleicht sehnt sich jemand nach dem Anblick freilaufender Ziegen oder dem Überholmanöver überladener Pickups oder den knirschenden Mokka-Resten zwischen den Zähnen oder dem lautstarken „Yassas“, welches er Dutzende Male beim Durchqueren des Dorfes von sich geben muss. Egal, was davon zutrifft, Kreta scheint in diesen Tagen so weit weg zu sein, jetzt, wo das Reisen hinter der Vernunft zurückstehen muss. Das Einzige, was vielleicht ein wenig Sehnsuchts-Linderung verspricht, ist die Erinnerung an den letzten Besuch. Und die Gewissheit, dass es irgendwann besser werden wird und Kreta dann ganz bestimmt noch genau da ist, wo es beim letzten Mal war.

Mir persönlich bleibt nicht anderes, als unverzüglich bei meinem Lieblingsgriechen eine Riesenportion Souvlaki zu ordern, egal was es kostet. Schließlich habe ich ja genug Geld an den Flugtickets gespart, die ich in den letzten Monaten nicht erworben habe. Und wenn der Teller dann erst einmal vernichtet ist, dann werde ich mir wieder sehnsuchtsvolle Gedanken machen. Vielleicht darüber, was für unsinnige Artikel ich bis zur nächsten Souvlaki-Bestellung schreiben kann…

Weitere mehr oder weniger sinnvolle Gedanken findest Du hier

(Ingo Blisse)

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