Es gibt Mythen und Legenden, bei denen man sich fragt, wie viel Wahrheitsgehalt ihnen zugrunde liegt. Eine solche Geschichte umgibt auch Rodanthie, die wohl bekannteste Einwohnerin des Dorfes Kritsa. Hier die offizielle Version, die durchaus heroisch vom „Kritsotopoula`s Museum“ überliefert wird:

In den frühen 1820er Jahren, während des ersten großen Aufstands gegen die türkische Besetzung Kretas, arbeitete die junge Rodanthie, Tochter des Oberpriesters von Kritsa, an ihrem Webstuhl. Während sie arbeitete, sang sie. Der örtliche Aga, der an diesem Tag das Dorf besuchte, verliebte sich in ihre Stimme. Er schickte seinen Handlanger aus, der sie entführte, nachdem er zuvor ihre Mutter ermordet hatte.

Böse Überraschung in der Hochzeitsnacht

Das Mädchen wurde in ein türkisches Lager gebracht, musste sich ihrer kretischen Kleider entledigen und wurde anschließend als „türkische Braut“ auf die Hochzeit vorbereitet. Als sie allein mit dem Aga war, schien sie sich in ihr Schicksal gefügt zu haben. Sie bat ihn, sich seiner Waffen zu entledigen, bevor sie sich ihm hingeben würde. Der Aga, ganz im Liebesrausch, tat ihr den Gefallen und legte sich neben sie – ohne Kleidung und ohne Waffen. In diesem Moment griff die scheinbar ergebene Braut nach einem Dolch und erstach ihn.

Rodanthie zog sich die Kleidung des Agas über und nahm dessen Waffen an sich. Vor dem Zelt dauerten die Feierlichkeiten zu Ehren der Hochzeit an und die Soldaten betranken sich hemmungslos. Rodanthie nutze dies und schlich aus dem Lager. Da die Soldaten von einem ausgedehnten Schäferstündchen des Agas ausgingen, bemerkten sie erst nach drei Tagen, was geschehen war – und das auch nur deshalb, weil ein Hund mit einer menschlichen Hand im Mund aus der Unterkunft des Agas gerannt kam. In diesem Moment schworen die türkischen Invasoren Rache, so dass der Krieg noch weiter eskalierte.

Unerkannte Rebellin

Rodanthie wusste, dass sie unter den gegebenen Umständen nicht nach Hause zurückkehren konnte, denn der Mord an ihrer Mutter war noch nicht gerächt. Ebenso war ihr eigener Ruf zerstört. Sie schnitt sich ihre Haare ab, verkleidete sich als Mann und schaffte es, von einer Truppe kretischer Rebellen rekrutiert zu werden. Zu Beginn hielt man nicht viel von ihr, denn man sah in ihr nur einen kleinen, bartlosen Jungen, den man „Bartlos Manolis, Sanomanolis“ nannte. Doch nach und nach erwies sich genau dieser „Junge“ als der fähigste Kämpfer unter ihnen. Selbst der stärkste Rebell musste dies eingestehen.

1823 kam es zur Schlacht zwischen einer großen türkischen Armee und den vereinigten Rebellen Kretas. Rodanthie kämpfte ausgesprochen tapfer und, wie es der Zufall so will, fand den Mann, der ihre Mutter ermordet hatte. Sie nahm Rache und töte ihn, wurde dabei jedoch selbst schwer an der Brust verletzt. Man brachte sie in das Haus des Arztes. Es mag ein göttlicher Zufall gewesen sein (zumindest beharren die Kreter bis heute darauf), dass sie genau dort auf ihren Vater traf, der in der Zwischenzeit einer der kämpfenden Priester Kretas geworden war. Man hatte auch ihn verwundet, und er erkannte im ersten Moment seine Tochter nicht.

Das tragische Ende einer Heldin

Als der Arzt das Hemd des „jungen Kriegers“ öffnete, erkannte er, dass es sich um ein Mädchen handelte. Dies war der Moment, als Rodanthie ihr Schweigen brach. Sie sagte zu ihrem verwundeten Vater:

„Ich bin deine Rodanthie.“

Sie erzählte ihm ihre Geschichte, während das Leben langsam aus ihrem Körper schwand. Dabei erwähnte sie auch, dass sie rein geblieben sei, ein wichtiger Fakt in dieser Zeit, denn so konnte ihr Ruf wiederhergestellt werden – selbst im Tod. Sie beendete ihre Geschichte und schloss die Augen für immer. Den Überlieferungen zufolge starb auch der Vater kurz darauf, mehr an gebrochenem Herzen als an den Folgen seiner Verletzung.

Von diesem Tag an wurde Rodanthie ebenso als Heldin verehrt wie auch ihre Eltern. Man beerdigte sie und ihren Vater gemeinsam neben der Mutter, um gemeinschaftlich zu ruhen.

Die Schlacht, in der Rodanthie und ihr Vater verwundet wurden, verloren die kretischen Rebellen gegen die Türken. Aus Rache für den Verlust ihres Agas brannten sie das Dorf Kritsa nieder. Wie wir wissen, gelang es ihnen trotzdem nicht, den Krieg zu gewinnen.

Die „Schlacht von Kritsa“ wird an jedem zweiten Sonntag im Mai mit einer Zeremonie vor der historischen Stätte von „Lato“ gefeiert, genau dort, wo die Schlacht stattgefunden hatte.

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(Ingo Blisse)