Ein Erlebnisbericht unserer Gast-Autorin Claudia Kleemann (PhotoArt):

Bei meinem etwa 25sten Besuch von Kreta ist es mir erstmals gelungen, die Festung Rocca a mare in Heraklion zu besichtigen. Ich bin von diesem Bauwerk fasziniert und überwältigt. Das Gemäuer, die Fundstücke, der Ausblick auf den Hafen Heraklion – einfach grandios. Das hat mich dazu bewogen, die geschichtlichen Hintergründe dieser Festung einmal grob zusammenzufassen.

©PhotoArt Claudia Kleemann

Am Anfang des westlichen Wellenbrechers des modernen Hafens von Heraklion liegt die imposante mittelalterliche Festung von Koules, „Rocca a Mare“ (Festung des Meeres). Namengebend waren seine venezianischen Gründer. Die Große Koules war nicht die einzige Wache des Hafens. Bis zum frühen 20. Jahrhundert stand gegenüber eine kleinere Festung, die Kleine Koules. Sie wurde abgerissen, um dem heutigen Marina-Pier Platz zu machen.

Eine kleine Zeitreise durch die Jahrhunderte

Als Kreta von den Arabern im Jahr 824 erobert wurde, befestigten sie Heraklion und nannten es Candia. Jedoch gewannen die Byzantiner Kreta nach mehreren gescheiterten Versuchen unter dem Befehl von Nicephorus Phocas 961 n.Chr. zurĂĽck.

Nach 250 Jahren wurde Heraklion dann zuerst von den Genuesen und einige Jahre später von den Venezianern erobert. Die neuen Herrscher bauten beeindruckend starke Wände und nannten das Bauwerk „Großes Schloss“. Um die Sicherheit des Hafens weiter zu erhöhen, errichteten sie die berühmte Festung Rocca a Mare.

Gefahren durch Erfindungen und Erdbeben

Bald erkannten die Venezianer, dass die Befestigung des Hafens mit einem Turm unzureichend war, besonders nach der Entdeckung des Schießpulvers und der Erfindung der Kanonen. Beim Erdbeben von 1303 wurde der kleine Turm schwer beschädigt und nur unzureichend repariert. Da beschlossen die Venezianer, eine neue, noch größere Festung zu bauen, die die Sicherheit der Stadt gewährleisten sollte. Die Entscheidung fiel im Jahre 1523 vom zuständigen Rat und es wurde noch im selben Jahr mit dem Abriss der alten Festung begonnen.

Der Neubau wurde im Jahre 1540 abgeschlossen. Die Keller und die Plattformen wurden mit Felsbrocken aus dem Minoischen Hafen gebaut. Um die Meeresmauern weiter zu schĂĽtzen, belud man alte Schiffe mit Steinen und versenkte sie. Es war ein architektonisches Meisterwerk entstanden, welches zusammen mit der Festung Paliokastro die Sicherheit des gesamten Golfs von Heraklion sicherstellte.

Festung mit Lebensqualität

©PhotoArt Claudia Kleemann

Die Festung Rocca a Mare besteht aus zwei Etagen. Das Erdgeschoss wurde in 26 Wohnungen für verschiedenste Verwendungen (Lebensmittelgeschäfte, Munitionsdepots, Regenwassertanks und Gefängnisse) aufgeteilt. Dabei wurden alle Wohnungen von großen Oberlichtern erhellt. Zur Ausstattung des Forts gehörten eine Bäckerei, eine Mühle und eine kleine Kirche.

In der ersten Etage war die Garnison untergebracht. An der nördlichen Ecke befand sich der Leuchtturm. Die Wände des Gebäudes im Süden, Norden und Osten wurden mit dem Emblem der Allerheiligsten Republik Venedig, den geflügelten Löwen, ausgestattet. Die Löwen existieren noch heute, sind aber von Zeit und Meer erodiert. Der Historiker Basilikata wies nach, dass der Boden mit 18 Kanonen ausgestattet war, die Wälle mit 25. Zudem gab es 300 Schachteln Schießpulver und 6.144 Kanonenkugeln in verschiedenen Größen.

Die Festung sollte den Hafen schützen, der die zentrale Seestraße der Venezianer und der Hauptfrachtterminal von Kreta war. Trotz der großen Kunst und Sorgfalt, mit der die Festung errichtet wurde, erlitt sie häufig Schäden und benötigte ständige Reparaturen. Diese wurden hauptsächlich durch die Erosion der Nordwand verursacht.

21 Jahre Belagerung

©PhotoArt Claudia Kleemann

Ab 1648 belagerten die Osmanen 21 Jahre lang die Stadt Heraklion – die längste Belagerung der Geschichte. Nach blutigen Kämpfen, bei denen die Venezianer 30.000 und die Osmanen 120.000 Mann verloren, eroberten die Türken die Stadt und damit das gesamte Kreta.

Die siegreichen Türken führten die Reparaturen an der Festung fort. Innerhalb von Koules bauten sie einige Wälle und Wachtürme. Im Jahre 1719 brach ein Teil der Nordwestseite durch einen heftigen Sturm zusammen, wurde aber sofort wieder aufgebaut.

Mit der Autonomie kam die Kultur 

Erst 1899 wurde Kreta autonom. Der Unabhängigkeit der Insel vorausgegangen war ein großes Massaker der Türken an der Bevölkerung Heraklions. Mehrere hundert Christen starben. Dabei wurden auch der britische Konsul und 17 britische Soldaten getötet. Mit der Autonomie Kretas begann der Wiederaufstieg Heraklions.

Heute ist Rocca a mare „Koules“ offen für Besucher und wird auch häufig für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Die Festung beherbergt die Erkenntnisse aus den Erhebungen des legendären Ozeanographen Jacques-Yves Cousteau aus den 1970er Jahren. Der bedeutendste Fund ist wohl das französische Schiff „La Therese“. Dies soll am 24. Juli 1669 während des letzten Aktes des kretischen Krieges gesunken sein.

Wenn Sie mehr über Ausflugsmöglichkeiten auf Kreta erfahren wollen, klicken Sie bitte hier

(C.K.)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Bitte Namen eingeben