Eigentlich war es eine redaktionelle Übereinkunft, dass Kato Chorio in keinem Bericht auftauchen wird. Warum? Weil es unser persönlicher Geheimtipp ist und das eigentlich auch fĂŒr immer bleiben sollte. Auf der anderen Seite wĂ€re es nicht fair, unseren Lesern diese Oase vorzubehalten. Folglich gibt es nun doch einen Artikel zu einem der schönsten Fleckchen dieser Erde – und außerdem dem Standort unseres griechischen BĂŒros.

Wer Urlaub auf Kreta macht, der wird zuerst wahrscheinlich die touristischen Zentren im Norden der Insel besuchen. Das ist auch durchaus nicht verkehrt, denn Chania, Rethymno, Heraklion oder Agios Nikolaos haben sich durch ihre offensichtliche Schönheit und ihre Ausgeh- und Ausflugsmöglichkeiten zurecht den Ruf erworben, dass ein Besuch sich lohnt. Warum sollte man dann die 60 bis 70 Minuten Fahrzeit auf sich nehmen, um im SĂŒden Kretas ein verschlafenes Nest namens Kato Chorio zu besuchen.

Kato Chorio, das moderne Bethlehem?

Zugegeben, einige verwegene Kletterer und Radfahrer verirren sich schon einmal hierher. Zumindest im FrĂŒhling sind einige Exemplare von ihnen anzutreffen, da die Berge und das nahe gelegene Meer beste Möglichkeiten bieten. Im August strömen unerwartet viele GĂ€ste aus Athen und dessen Umland nach Kato Chorio, um die Ă€ltere Verwandtschaft zu treffen, die den Sprung auf das Festland niemals wirklich erwĂ€gt geschweige denn geschafft hat. Zum großen Teil jedoch trifft man in den engen Gassen Kato Chorio`s doch eher die eine oder andere tiefenentspannte Katze, bevor einem ein einheimischer Homo Sapiens ĂŒber den Weg lĂ€uft. Eine schottische Besucherin brachte das sehr einprĂ€gsam auf den Punkt: „Ich fĂŒhle mich, als wĂ€re ich in Bethlehem.“

Noch herrscht Ruhe auf der Platia Kato Chorios / Foto: Surpress

Dass man dieses GefĂŒhl zur Mittagszeit durchaus bekommen kann, verwundert nicht. Kaum jemand ist auf der Straße, denn die Temperaturen in dieser Gegend sind die höchsten Kretas – und das will schon etwas heiß(en). Wer allerdings die Uhren in Kato Chorio lesen kann, der wird bald eines besseren belehrt. Neigt sich die Sonne gen Horizont, so setzen sich die alten Damen Kato Chorio`s nach und nach vor ihre einfachen Behausungen. Man schafft kaum einhundert Meter, ohne dabei mit einem vom Herzen kommenden „Yassas“ begrĂŒĂŸt zu werden. Auch ist es durchaus nicht außergewöhnlich, wenn man dazu kleine Geschenke wie selbst geerntete Gurken oder Tomaten erhĂ€lt. Dabei kommt es hin und wieder auch zu einem kleinen SchwĂ€tzchen, wobei es die Einheimischen nicht im Geringsten stört, wenn ihr GegenĂŒber kein Wort Griechisch versteht.

Das wahre Leben findet auf der Platia statt

Sinken irgendwann die Temperaturen des Tages, erwacht plötzlich das Leben auf dem Dorfplatz. Hier, auf der sogenannten „Platia“, zeigt sich unter Platanen, Eukalyptus und Kiefern das wahre Herz der Kreter. Zwar kennt man diese Platias aus vielen anderen Dörfern, trotzdem hat man das GefĂŒhl, dass es hier außergewöhnlich ist. Die Menschen sind von tiefstem Herzen freundlich, wenn man sich auf ihre Art zu leben einlĂ€sst. Es wird viel gelacht und nicht selten lernt man die GĂ€ste der Nebentische kennen. Plötzlich steht ein Bier, ein Wein oder ein Rakti vor einem, ausgegeben von einem der Einheimischen, der einem freundlich zuprostet. In diesem Moment verdrĂ€ngt man gerne den Gedanken daran, dass das eigene Einkommen um ein Vielfaches höher liegt als der Durchschnitt des kretischen Verdienstes.

Was in vielen touristischen StĂ€dtchen lediglich dem Ködern von GĂ€sten dient, gehört in Kato Chorio zur Tradition. Bei der Bestellung eines alkoholischen GetrĂ€nkes erhĂ€lt man durchschnittlich 7 (in Worten: sieben) Teller mit verschiedenen Leckereien. Kostenfrei! Hat man einen davon geleert, so gibt es prompt Ersatz. Hierbei handelt es sich um keinerlei Touristenwerbung, denn Fremde sind hier nach wie vor selten. Es ist darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass die Bauern dieser Gegend schon immer nach der Arbeit zur Platia kamen, um dort ihren wohlverdienten Raki zu trinken. Und natĂŒrlich hatten sie auch Hunger, konnten sich aber nicht jeden Tag eine ganze Mahlzeit leisten. Bis heute setzt sich die Tradition der freien Speisen fort, was fĂŒr den Gast auch nach vielfachen Besuchen der Platia zu unglĂ€ubiger Überraschung fĂŒhrt. Wer es schafft, sich doch noch eines der Hauptgerichte zu bestellen, der wird mit wohlschmeckender griechischer Hausmannskost belohnt. Hier kann man sich zuvor beraten lassen, denn die traditionellen Tavernen nutzen nach wie vor keine Speisekarten. Auch dies gehört zu den urtĂŒmlichen Besonderheiten.

Der Charme der Tradition

Traditionelle Veranstaltungen sind keine Seltenheit / Foto: Surpress

Die servierten Mezzedes ĂŒberraschen durch ihren besonderen Geschmack und nicht selten findet man ganz besondere SpezialitĂ€ten darunter. Wer einmal einen Blick in die kleine, offene KĂŒche der Tavernen wirft, der kann kaum glauben, dass hier alles fĂŒr die zahlreichen GĂ€ste frisch gezaubert wird. Und das zu Preisen, die sich jeder leisten kann. Inzwischen hat ein findiger GeschĂ€ftsmann aus Athen die Besonderheit Kato Chorio`s erkannt und ein schickes Restaurant an der Ecke der Platia eröffnet. Dieses ist lediglich im August gut besucht, wenn die vielen Athener in Kato Chorio Urlaub machen. GlĂŒcklicherweise nehmen die Einheimischen davon kaum Notiz und auch der interessierte Reisende stellt schnell fest, dass er wahre UrtĂŒmlichkeit und Herzlichkeit eher in den althergebrachten Tavernen findet.

Kato Chorio und seine bewegte Geschichte

Wer sich mit der Vergangenheit Kato Chorios beschĂ€ftigt, der wird Überraschendes herausfinden. So geht man davon aus, dass die Gegend seit ĂŒber 8.000 Jahren besiedelt ist. Die NĂ€he zu der Hafenstadt Ierapetra sorgte lange Zeit fĂŒr Reichtum, den man heute im Dorf nicht mehr spĂŒren kann. Zuweilen lebten hier 4.000 Einwohner, heute sind es nicht einmal mehr 1.000.

Kato Chorio war schon immer ein politisch orientierter Ort. So wissen alte Bewohner aus Zeiten zu berichten, an denen die Einwohner des Dorfes ihre politische Ausrichtung zu erkennen gaben, indem sie ihre TĂŒren in einer bestimmten Farbe anstrichen. Damals kam es hĂ€ufig zu handfesten Meinungsverschiedenheiten, Streitereien und hin und wieder sogar zu Schießereien. Aber diese Zeiten sind glĂŒcklicherweise vorbei – heute steht das friedliche Miteinander im Vordergrund.

Wer einmal das GlĂŒck hat, einen Abend in Kato Chorio verbringen zu dĂŒrfen, der wird von der Gastfreundschaft von Marcos, Stefania, Nadja und all den anderen Personen begeistert sein, die dort tĂ€glich fĂŒr die GĂ€ste ihr Bestes geben. Und das tun sie vollkommen ungeachtet, ob sich ein Tourist hierher verirrt hat oder nicht. Es ist ihr Leben. Und das merkt man bei jedem einzelnen Besuch.

Ein kleiner Tipp zum Abschluss: Auch im Winter lohnt sich die Platia tagsĂŒber und ebenso in den Abendstunden. Man trifft sich in den Tavernen und man schaut gemeinsam fern, lacht zusammen oder hat einfach eine sorgenfreie Zeit mit den ĂŒbrigen GĂ€sten. Dazu gibt es Rakomelo, heißen Raki mit Honig und Zimt. Auch hier sind unvergessene Stunden garantiert. All dies gibt es in Kato Chorio, aber bitte nicht weitersagen. Es ist und bleibt ein Geheimtipp unserer Redaktion.

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(LaK)

4 KOMMENTARE

  1. Moin und Kalimera, schöner und informativer Artikel ĂŒber Kato Choria. Aber welches Kato Chorio ist denn gemeint? Das Kato Chorio bei Istro oder das zwischen Pachia Ammos und Ierapetra?

    KalĂł SavvatokĂœriako , kv

    • Danke fĂŒr Deine Frage: Damit war natĂŒrlich das Kato Chorio zwischen Pachia Ammos und Ierapetra gemeint – denn nur da gibt es eine solch schöne Platia 😉
      Gruß,
      Ingo von Leben-auf-Kreta.de

      • Moin und Kalimera Ingo, danke fĂŒr die Antwort. Vor ein paar Jahren wĂ€re ich fast fĂŒr ein paar Wochen als Housesitter in Kato Chorio gelandet, hat dann aber leider nicht geklappt. Hatte mich schon sehr auf die Aufgabe und die fĂŒr mich eher unbekannte Ecke sehr gefreut.

        Ta Leme, kv

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