Ein Erlebnisbericht unserer Gast-Autorin Claudia Kleemann (PhotoArt):

Trotz bedrückender Vergangenheit schöne Aussicht aus der Taverne ©PhotoArt Claudia Kleemann

Im Oktober dieses Jahres habe ich nach 26 Jahren die Insel Spinalonga wieder einmal besucht. Ich wollte unbedingt noch einmal dorthin, da ich mich noch an die fantastischen Ausblicke von der Insel aus erinnern konnte. Damals hatte mich die Geschichte weniger interessiert, es war halt eine „Lepra-Insel“, auf der die Kranken irgendwann einmal untergebracht waren – sorry, so dachte ich als Motiv-suchende Fotografin zu dieser Zeit. Dieses Mal war es jedoch die Geschichte, über die ich mehr erfahren wollte. Meine Informationen hatte ich im Vorfeld hauptsächlich durch einen Guide und Recherchen im Internet zusammengetragen.

Die unbewohnte Insel Spinalonga, heißt offiziell eigentlich Kalydon. Sie liegt im westlichen Golf von Mirabello im Nordosten Kretas und gehört zur Ortschaft Elounda in der Gemeinde Agios Nikolaos. Kalydon liegt nur 160 Meter von der Nordküste der gleichnamigen Halbinsel entfernt. Die kürzeste Entfernung zum kleinen Küstenort Plaka beträgt etwa 750 Meter.

Anfahrt nach Spinalonga von verschiedenen Orten aus möglich

Panorama um Spinalonga ©PhotoArt Claudia Kleemann

Die Insel ist mit dem Boot von Agios Nikolaos in etwa einer Stunde erreichbar, von Elounda benötigt man etwa 20 Minuten und von Plaka aus 10 Minuten. Es gibt zwei Eingänge nach Spinalonga, das ursprüngliche Haupttor an der Westküste gegenüber von Plaka und einen Tunnel an der Südspitze, der als „Dantes Tor“ bezeichnet wird. An der Südspitze befinden sich auch touristische Einrichtungen und ein Landungssteg für die Ausflugsboote.

Die Insel kann tagsüber von Anfang April bis Ende Oktober gegen eine Gebühr von sechs Euro besichtigt werden. Es gibt auch Guides, die Gruppenführungen leiten und die Geschichte der Insel erzählen. Das Übernachten oder Campieren ist auf der Insel strengstens untersagt. Das Rauchen ist nur in der Taverne neben dem Bootsanleger gestattet.

Bewegte Vergangenheit

Stumme Zeugen der Vergangenheit ©PhotoArt Claudia Kleemann

Da Spinalonga in einer strategischen Schlüsselposition am nördlichen Eingang des Golfs von Elounda liegt, errichteten die Venezianer Im 16. Jahrhundert  eine bedeutende Seefestung auf der Insel, um sie und die gesamte Bucht vor Angreifern zu schützen und  den Export von Salz aus den dortigen Salinen zu sichern.

In den ersten Jahren des Krieges um Kreta (1640-1659) wurde die Festung weiter ausgebaut und verstärkt. Schon in dieser Zeit war die Insel ein Zufluchtsort für Flüchtlinge und Rebellen aus dem osmanisch regierten Osten Kretas. Gemeinsam mit der venezianischen Garnison verteidigten sie die Insel gegen die osmanische Belagerung. Als Chania im Jahre 1669 fiel, verblieb Spinalonga zusammen mit den Inseln Gramvousa und Souda unter venezianischer Kontrolle.

Wechselnde Herrschaftsansprüche

Erst 1715 eroberten die Osmanen die Festung. Nach einer dreimonatigen Blockade waren die Vorräte der Inselbewohner erschöpft. Daraufhin übergab der venezianische Kommandant Zuan Francesco Giustiniani die Bastion an den Großadmiral Kapudan Pasha. Der Kapitulationsvertrag sah vor, dass Zivilisten entweder die Insel mit ihrem Hab und Gut verlassen oder als Untertan des Sultans auf der Insel bleiben konnten. Dazu gehörte das Recht der verbleibenden Christen, auf der Insel eine orthodoxe Kirche zu unterhalten. Den venezianischen Soldaten wurde ein sicherer Abzug zugesichert. Mit dem sogenannten „Frieden von Passarowitz“ im Jahre 1718 geriet die Insel endgültig unter osmanische Kontrolle. Nach Abzug der Venezianer wurden 616 Einwohner inhaftiert und als Sklaven verkauft. Es begann die Besiedelung mit Muslimen.

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Festung von untergeordneter militärischer Bedeutung. Auf der Insel lebten ungefähr 200 osmanische Soldaten mit ihren muslimischen Familien, die sich aus Sicherheitsgründen dauerhaft dort angesiedelt hatten. Mit Ende der osmanischen Herrschaft diente die Insel muslimischen Familien als Exil.

Insel ohne lange Ruhepausen

Ruinen säumen das Bild von Spinalonga ©PhotoArt Claudia Kleemann

1821 lebten etwa 250 Personen auf Spinalonga. Aufgrund der auf Kreta gültigen Handelsbeschränkungen Ende des 18. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung der Insel. 1856 gewährte man im Zuge von Reformen dem Hafen von Spinalonga Handelsrechte. Dadurch stieg die Bevölkerungsdichte auf der Insel an.

Während des Aufstands der Kreter im Jahr 1878 war Spinalonga einer der wenigen verbliebenen Orte unter osmanischer Kontrolle und wurde 1879 eine unabhängige Gemeinde mit rund 1.110 muslimischen Einwohnern bis zum Jahr 1881. Während des Türkisch-Griechischen Krieges wurde die Insel am 24. Februar 1897 von griechisch-orthodoxen Aufständischen angegriffen. Nach wenigen Stunden unterband ein französisches Kriegsschiff diese Attacke, bei der die Festung beschädigt, mehrere Gebäude zerstört und etwa 30 Personen verwundet oder getötet wurden.

Auf Druck der Großmächte Frankreich, Russland, Großbritannien und Italien wurden nach der Errichtung des Kretischen Staates französische Truppen auf der Insel stationiert. Wegen der christlichen Verwaltung emigrierten viele der muslimischen Bewohner in den Folgejahren nach Kleinasien. 1903 mussten die letzten muslimischen Einwohner Spinalonga verlassen, da auf der Insel eine Leprakolonie eingerichtet werden sollte.

Nutzung als Leprakolonie

Die Mauer der alten Festung ©PhotoArt Claudia Kleemann

Der Kretische Staat beschloss eine Zwangsunterbringung aller Leprakranken Kretas auf Spinalonga.  Am 13. Oktober 1904 kamen die ersten 251 Leprakranken auf die Insel. Nach der Vereinigung Kretas mit Griechenland 1913 folgten weitere Kranke aus allen Teilen des Landes.

Die Leprakranken lebten anfangs unter schwierigsten Bedingungen und bewohnten die alten Häuser der muslimischen Siedlung. In den 1930er Jahren verbesserte sich die Lage, denn man errichtete mit staatlichen Mitteln neue Häuser und legte eine Ringstraße um die Insel, wodurch Teile der Festungsmauer zerstört wurden. 1935 lebten etwa 300 Patienten auf Spinalonga.  

Durch die Anwendung neuer Medikamente im Jahre 1948 erhöhten sich die Genesungsraten. Geheilte Patienten durften die Insel verlassen. Bis 1957 war Spinalonga Leprastation und damit eine der letzten Leprakolonien Europas. Der letzte Einwohner, ein Priester, verließ die Insel 1962.

Spinalonga heute

Himmelblaues Meer um die Leprainsel ©PhotoArt Claudia Kleemann

Heute ist Spinalonga unbewohnt. Die Festung und viele der Gebäude wurden durch Plünderungen beschädigt. 1963 wurde die Insel der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr unterstellt. In den 1970er Jahren wurde mit der touristischen Erschließung begonnen und der Insel der Status „Archäologische Stätte“ zuerkannt. Seit 1997 werden mit EU-Mitteln umfangreiche Maßnahmen zur Konservierung und Restaurierung der Festung und der Gebäude finanziert.

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(Claudia Kleemann)

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