Kolumne von Ingo Blisse

Antike Merian-Magazine verkĂĽrzen die Zeit

Die nächste Kreta-Reise ist mit einem dicken Fragezeichen behaftet. Schuld daran ist ein Virus, der sich trotz aller Lockdown-Aktivitäten nicht vertreiben lassen will. Sei`s drum, in den heimischen vier Wänden kann man sich ja ersatzweise der einschlägigen Fachliteratur widmen. Und diese ist gerade dann besonders unterhaltsam, wenn sie bereits Jahrzehnte alt ist und so einen nostalgischen Blick in Zeiten gewährt, als Kreta noch aus seinen Traditionen heraus lebte.

 

Allein die Reklame ist den Preis wert

Farbenfrohe Brikett-Werbung in einem 40 Jahre alten Merian Kreta-ReisefĂĽhrer

Zugegeben, beim Blick in die ältesten Hefte meiner Merian-Sammlung fällt auf, dass sich mehr Ziegen, Schafe, Esel und in der Insel-typischen Tracht gekleidete Einheimische wiederfinden als heutzutage. Darüber hinaus, und das ist immer ein ganz besonderes Vergnügen, neigte man in den 50er/60er-Jahren dazu, die Magazine durch allerlei Fremdwerbung zu finanzieren. Dabei war es auffällig, wie wenig die Reklame mit dem Inhalt des Heftes (Kreta) in Zusammenhang stand. Neben ganzseitigen Anzeigen für eine Schachtel Zigaretten der Marke „Simon Arzt“ für 10 Pfennig, den „brandneuen“ Opel Rekord für 6.830 Mark und allen neun Symphonien von Beethoven in einem Sammelpack imponiert vor allem, welche Werbung auf eine einzige Seite gesetzt wurde. Beispiel gefällig? Auf einer Doppelseite des 1963 erschienen Kreta-Magazins von Merian finden sich Anzeigen zu der Zeitung „Christ und die Welt“, des Weiteren werden Reisen ins Berchtesgadener Land beworben, ebenso wie das feuerfeste Geschirr von Ceramano („Hausfrauen schätzen seine natürlichen Eigenschaften“) und der werbewirksame Hinweis auf das beste Kakteenbuch der Welt. Eine gewagte Kombination…

Höhepunkt: der kretische Kräuterkrämer

Inzwischen bin ich im Jahr 1978 angelangt. Das Merian-Heft zeigt einen Esel mitsamt seinem kühnen Reiter auf der Titelseite. Ihm zur Seite sein treuer Hund, links und rechts ragen steile Felswände in die Höhe. Ich blättere das Magazin durch, betrachte Fotos, lese Überschriften und freue mich, dass die Werbung auch in 15 Jahren scheinbar nicht viel dazugelernt hat. Doch dann stoße ich auf etwas, was alle vorangegangenen Artikel in den Schatten stellt. Versteckt, kurz vor dem Ende des Heftes, findet sich die Fotografie eines Schildes, welches nach Angaben des Autors das eines „Kräuterkrämers“ ist. Und diesem Mann gebührt Ehre, denn er hebt die deutsche Sprache auf ein vollkommen neues Level.

„Majoran für brechen, locker werden Magen“

Ein Schild, das Gesundheit durch Lachen verspricht

Mein Griechisch ist sehr eingeschränkt, weswegen ich mich über das, was ich da lese, nicht lustig machen will. Trotzdem ist die aufgeführte Übersetzung dermaßen extravagant, dass sie es verdient hat, an dieser Stelle eingehend gewürdigt zu werden. Der Kräuterkrämer wirbt gegenüber seiner deutschsprachigen Kundschaft mit eigens erstellten Mixturen wie „Rosmari für Speise Schlaflosigkeit zeugewebartig Gallenblase“, „Eiiptoblatt für Hartnibigkeit Mit es kalt Wasser“, „Smilax diese Kraut für haarlos Wirbel“ oder „Salbei für Erkältung ist Mischung Kreismass“. Wer nun aber denkt, dass dies alles ist, was dieser hellenische Poet zu bieten hat, der wird eines besseren belehrt: Selbstbewusst behauptet er „Kreta Thee besser von Europa Thee“ und preist auf demselben Schild „Harn Balsenreimkrankheit Nervn“, „Dosten-für-Speise-essen Kochen-Astma-für Kehlkopfentzündung“ und „Pfefferminzevergiftung“ an.

Heilung fĂĽr Magen und Lachmuskeln

Sicher, ein Google-Übersetzer war in dieser Zeit noch eine fiktive Spinnerei, weswegen der Versuch, den deutschen Kunden in deren Heimatsprache seine Kräuter darzubringen, mehr als lobenswert ist. Leider ist jedoch nicht bekannt, ob ein germanischer Besucher sich jemals für den Kauf eines der Produkte entschieden hat. Schade eigentlich, denn sicher wären die persönlichen Magenbeschwerden nach der Einnahme von „Kamille-haarlos, Magen Geschwür-fett-dick-Fleisch“ oder „Maioran für Brechen locker werden Magen“ schnell verschwunden. Ja, vielleicht hätte sogar „Cypresse-Hahn-herausziehen Das-Stein-von Nierenstein“ geholfen. Falls nicht, hätte man auch auf das Allheilmittel „Thymian haarlos Husten Rheumatismus Veradauungs“ zurückgreifen können.

Noch immer ein amĂĽsiertes Lächeln auf dem Gesicht wird mir nach und nach klar, dass dieser Kräuterkrämer keinerlei Hohn verdient hat. Sollte ich versuchen, eine wirksame Werbetafel auf Deutsch zu schreiben und daneben die griechische Ăśbersetzung zu hinterlegen, wäre das Ergebnis bei Weitem desaströser. Nehmen wir also dieses ganz besondere Schild als das, was es eigentlich ist: Ein liebenswerter Versuch, deutschsprachigen Reisenden die heilsame Wirkung der kretischen Pflanzenwelt näherzubringen. Und das hat der geschäftstĂĽchtige Kräuterkrämer auf seine eigene Art ja auch irgendwie geschafft….

Weitere Beiträge aus unserer Kolumne findest Du hier

(Ingo Blisse)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Bitte Namen eingeben