Wie kann eine Insel eine derartige Faszination ausüben? Das fragen sich inzwischen immer mehr Personen, die nur einmal zum Urlaub nach Kreta kommen wollten. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Scheinbar haben die griechischen Götter ihre Hand im Spiel. Grund genug, um über die eigenen Erfahrungen nachzudenken, wie es unser Redakteur Ingo Blisse getan hat.

Eigentlich bildete mein erster Besuch auf Kreta vor vielen Jahren nur den Abschluss einer sechswöchigen Griechenland-Reise und ich muss zugeben, dass mir der Sinn gar nicht danach stand, noch auf irgendeine Insel überzusetzen. Immerhin hatten mich die Eindrücke des griechischen Festlands so in ihren Bann gezogen, dass es mir nicht möglich schien, hier noch eine Steigerung erfahren zu können. Im Gegenteil, ich hatte eher Angst, enttäuscht zu werden. Kreta, was soll es da denn noch Besonderes geben?

Übermüdet am Hafen von Heraklion angekommen, orientierte ich mich erst einmal Richtung Chania. Klar, hin und wieder hatte ich schon etwas über diesen Ort gehört, aber eine echte Vorstellung besaß ich nicht. Doch die Landschaft, durch die ich fuhr, felsig und trotzdem unglaublich farbenfroh, der immer wiederkehrende Ausblick aufs Meer, überzeugte mich schnell. Vielleicht war Kreta ja doch gar nicht so übel, wie ich es mir eingeredet hatte.

Kreta – weit mehr als eine Urlaubsinsel

Schnell hatte mich das Städtchen Chania überzeugt, der venezianische Hafen, die überschaubare Menge an Touristen, die griechische Gelassenheit und die Restaurants, die in alten Ruinen liebevoll eingerichtet ihre ganz eigene Atmosphäre entwickelten. Kein Wunder, dass ich mehr von dieser Insel sehen wollte. So kehrte ich mehrfach zurück und dabei hielt Kreta immer wieder neue Überraschungen bereit. Ich verliebte mich in den Norden der Insel, ebenso in das Leben der Einheimischen, die Tavernen, das Klima und vor allem – die Kreter. Vielleicht lag es auch daran, dass es sich ja bekanntermaßen um die „Insel der Götter“ handelte, weswegen der Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen war, dass die hohen Herrschaften mich mit einem geographischen Liebeszauber belegt hatten. Egal, wenn es dann so wäre, so bin ich Zeus, Hera, Hermes, Apollon, Aphrodite und Co. ausgesprochen dankbar.

Die zweite Heimat, die das Herz aussucht

Je mehr ich die Insel erkundete, umso mehr verspürte ich den Drang, auch einmal den Süden zu bereisen. Immerhin hatten schon viele erzählt, dass es dort „so ganz anders“ sein solle. Auch hier nisteten sich im Hinterstübchen meines Gehirns einige Zweifel ein, denn was konnte dort schon geboten werden, was den Norden Kretas noch übertreffen könnte? Was ich dann jedoch erlebte, führte meine gefestigten Vorstellungen ad absurdum. Der südliche Teil Kretas mit seinen malerischen Berg- und Fischerdörfern hielt einen noch größeren Zauber bereit, als es der Norden bereits vermocht hatte.

Trotzdem ich in den Jahren danach viele andere phantastische Länder bereisen durfte, hatte ich mein Herz an Kreta verloren. Längst war die Insel auch für Menschen aus meinem nahen Umfeld so etwas wie eine zweite Heimat geworden. Meine Schwester hatte inzwischen ein nettes Haus nahe Ierapetra erworben, eine Möglichkeit auch für die Familie und Freunde, häufig und kostengünstig Kreta zu besuchen. Immer mehr Personen aus unserem privaten Kreis fielen dem Kreta-Virus zum Opfer. Was mich betrifft, so kann ich nur sagen, dass neben mir und meiner Schwester auch noch meine drei Kinder sowie auch meine Lebensgefährtin unheilbar infiziert waren.

Und plötzlich bot sich die Chance …

Eines Abends, als die Hitze gerade der weitaus erträglicheren Abendwärme wich, saß ich mit einem Freund bei einem Glas kretischen Bieres gemütlich auf dem Dorfplatz. Irgendwann erwähnte er, dass er ein kleines, etwas baufälliges Haus verkaufen wollte. In diesem Moment tippte mir scheinbar irgendeiner der Götter auf die Schulter und murmelte:

„Na los! Denk nicht darüber nach.“

Sie hatte recht und ich sagte zu.

Am nächsten Morgen spürte ich, dass ich meine Zukunft verändert hatte, wusste, dass ich eines Tages, wenn die Haare noch grauer und der Bauch noch dicker sein werden, meinen morgendlichen Kaffee auf der Dachterrasse eben dieses Hauses zu mir nehmen würde – gemeinsam mit der besten Frau von allen und den Kindern (sie bevorzugen dann doch eher Fruchtsäfte). Eine wunderbare Vorstellung! Und nachdem die bürokratischen Hürden genommen und einige Monate später die finale Unterschrift unter den Vertrag gesetzt waren, hatte sich dieser Traum wirklich erfüllt.

Aber die schönste Erfahrung stand mir noch bevor: Die (zumeist älteren) Einwohner des Dorfes, in dem mein kleines Haus stand, reagierten auf die Invasion meiner teutonischen Wenigkeit mit so viel Freude und Herzlichkeit, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Heute ist es noch immer kaum möglich, einmal die Straße entlang zu gehen, ohne kleine Geschenke in Form frischer Gurken, Tomaten oder was auch immer auf dem Feld noch gewachsen ist, in die Hand gedrückt zu bekommen. Nach allem, was wir historisch den Kretern angetan haben, überrascht mich dies immer wieder aufs Neue. Aber Gastfreundschaft scheint auf der Insel der Götter nun einmal keine Vergangenheit zu kennen.

 

2 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Bitte Namen eingeben