Die kretische Küche ist weltberühmt. Selbst meine Hausärztin wird nicht müde, mir bei jeder Gelegenheit die Kreta-Diät ans Herz zu legen. Das ist zwar löblich, aber ich ernähre mich ohnehin größtenteils von dem, was mir auf dem Dorfplatz vorgesetzt wird. Und das ist ausnahmslos mit dem besten Olivenöl der Welt zubereitet, zumindest behaupten das die Kreter. Demzufolge ernähre ich mich ausgesprochen gesund, bin topfit und werde aller Voraussicht nach 120 Jahre alt werden. Also möge meine Ärztin schweigen und mich weiter so leben lassen, wie ich es ohnehin tue. Darauf einen Raki!

Mezze – die leckeren Tellerchen zum Getränk

Mezze auf Kreta – hier die ĂĽbliche Portion, die man in Kato Chorio zu jedem Getränk erhält ©Leben auf Kreta

Warum trotzdem dieser Bericht, wenn doch auf Kreta ohnehin alles so kulinarisch perfekt geregelt ist? Nun, es gibt einige charmante und fast einzigartige Besonderheiten, die die griechische Kochtradition mit sich bringt. Zum einen sind da die Mezze zu nennen, die kleinen, leckeren Tellerchen mit Fleisch, Gemüse oder Brot. Sie werden dem Gast in mehr oder minder großer Menge beim Kauf eines Getränkes auf den Tisch gestellt. In Spanien würde man sie als Tapas bezeichnen und für jeden einzelnen einen entsprechenden Preis aufrufen. Nicht so auf Kreta, denn hier gehören die kleinen Leckereien traditionell zu den Getränken dazu.

Dies basiert vor allem darauf, dass sich die ehemals bäuerliche Bevölkerung kein Essen in den Tavernen leisten konnte, trotzdem sie den halben Tag (und die halbe Nacht) dort zubrachten. Insofern kalkulieren traditionelle Tavernen noch immer über die Getränkepreise und betrachten die Speisen eher beiläufig, zumindest wenn ihre Gastronomie nicht touristisch geprägt ist. Manchmal fragt man sich, wie der Preis eines Getränkes eine solche Anhäufung an unbezahlten Tellerchen rechtfertigen kann. Keine Ahnung, aber glücklicherweise scheint es ja seit Jahrzehnten zu funktionieren – und das freut den Gast.

Ich kaufe, Du kochst

Einkauf beim Fischhändler des Vertrauens, Zubereitung in der Taverne ©Leben auf Kreta

Was viele Reisende nicht wissen ist, dass viele der Tavernen gegen ein kleines Handgeld gerne mitgebrachte Speisen für ihre Gäste zubereiten. So kann ich von ausgesprochen guten Erfahrungen berichten, wenn ich dem Koch eine Tüte frischer Sardinen (ein Kilogramm etwa drei Euro) mit der Bitte übergab, mir und meinen Freunden diese am Abend zuzubereiten. Dabei habe ich bisher nie eine Ablehnung erfahren, im Gegenteil, eigentlich spürte ich sogar Freude bei dem jeweiligen Koch, dass er seine Künste jetzt auch einmal „außerhalb der Reihe“ unter Beweis stellen konnte. Und die Zubereitung von Fisch liegt den Kretanern so im Blut wie uns das Essen von Kartoffelchips während des „Tatort“. Für die Zubereitung habe ich zumeist nicht mehr als zwei Euro zahlen müssen, wobei ich empfehle, seine Dankbarkeit für die gute Zubereitung und den netten Service durch ein zusätzliches Handgeld zu bekunden.

Natürlich darf diese Vorgehensweise nicht zu einem allabendlichen Ritual werden, denn es war und ist etwas Besonderes, wenn der Koch der persönlichen Zubereitung zustimmt. Aber versprochen, die Male, an denen man sich mit den eigenen Zutaten bekochen lässt, lohnen sich garantiert. Warum? Weil die Mamis und Papis und Onkel und Tanten in den Küchen einfach gut kochen können. Punktum! Dies gilt übrigens nicht nur für kleine Fische, sondern auch für deren große Artgenossen, Fleisch und Gemüse.

Das Auge entscheidet

Eine weitere Tradition, die mit dem Strom der Touristen leider langsam ausstirbt, ist das „in die Töpfe gucken“. Wer`s nicht kennt, wird sich das nur schwerlich vorstellen können, aber vor allem in dörflichen Regionen der Insel findet sich dieses Fossil der Essensauswahl noch immer. Sitzt man hier an einem Tisch und wartet darauf, dass ein herausgepellter Ober die Speisekarte bringt, so findet man sich an demselben Platz wahrscheinlich noch am Sankt-Nimmerleins-Tag. Eine Speisekarte wurde nie gebraucht, denn schließlich kann man doch in die Küche gehen, um dort in die Töpfe zu schauen. So sieht (und riecht) man gleich, was einem am meisten zusagt.

In den Töpfen finden sich zumeist die leckersten Speisen

Gerne kann man hier den Koch oder die Köchin fragen, was sich da eigentlich in dem brodelnden Topf vor einem befindet. Sie geben sehr gerne Auskunft darüber, versprochen. Danach kann man die entsprechende Auswahl treffen, ohne mit einer bösen Überraschung rechnen zu müssen. Doch Vorsicht: Meistens sieht alles ausgesprochen lecker aus. Wer sich also nicht entscheiden kann und drei oder vier der Gerichte wählt, der wird dies alsbald bereuen. Diese Speisen werden nicht wie die Mezze auf kleinen Tellern serviert. Stattdessen sieht sich der Entscheidungs-unfreudige Tourist bald einem übervollen Tisch gegenüber, an dem die diversen Gerichte auf den großen Tellern und Platten herunterzurutschen drohen. Bei der Auswahl in der Küche sind immer große Portionen gemeint.

Leider muss ich abschließend anmerken, dass ein Teil dieser kulinarischen Besonderheiten nach und nach verschwindet, beziehungsweise zuweilen zum Anlocken von Touristen verkommen ist. Deshalb ist zu empfehlen, vor allem bei dem Besuch kleinerer Ortschaften oder Dörfer Tavernen aufzusuchen und zu beobachten, wie sehr sich der gastfreundliche Service doch zu den Metropolen unterscheidet. Und lohnen wird es sich. Großes Indianerehrenwort!

Weiter Berichte aus unserer Kolumne finden Sie hier.

(Ingo Blisse)

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