Die Kreta-Kolumne von Manuela Blisse

Dimitris zuckt gelassen mit den Schultern. „Was kannst du machen?!“, stellt er seelenruhig fest. Es ist Donnerstag, der 5. November, kurz nach elf Uhr vormittags. In einer Stunde wird Premierminister Kyriakos Mitsotakis via Bildschirm zur Nation sprechen und den zweiten Lockdown ankündigen.

Das ist bereits Mittwoch spätabends durchgesickert. Panik? Telefonhotlines mit der griechischen Familie in Iepápetra oder den englischen und schottischen Freunden im fünf Kilometer entfernten Dörfchen Káto Xorío? Nichts dergleichen. „ Σιγά τα πράγματα“, „Nur die Ruhe“, meint Dimitris.

Die Frage nach dem Klopapier

Ein paar Tage waren Kreta und fast alle anderen Inseln in der grünen Zone nur mit wenigen Corona-Verhaltensregeln gesegnet. Maske tragen auf der Straße, der schon verinnerlichte Sicherheitsabstand, nicht mehr, nicht weniger. Im Vergleich zum bereits angelaufenen Lockdown in Deutschland waren das für uns ,als Paar aus Berlin mit Ferienhaus im Südosten Kretas, paradiesische Tage. 23 bis 25 Grad, Sonne, das Mittelmeer vor der Tür. Doch jetzt schrillen die Alarmglocken. Klopapier, wird es genug Klopapier geben?

Der heutige Donnerstag hat eh schon nicht gut begonnen. Das Auto hat einen platten Reifen, der muss gewechselt werden, das Ersatzrad ist beim Reifenhändler in Iepápetra. Doch die familiäre Kette funktioniert. Autovermieter Charis, der Vater unseres Patenkinds, und sein Schwager Dimitris kommen vorbei, holen das seinen Dienst verweigernde Transportmittel ab. Ehefrau und Freundin Isten übernimmt den Chauffeurdienst der Gestrandeten.

Alles wie immer beim LIDL des Vertrauens

Lidl, Parkplatz mit freien Plätzen trotz Lockdowns ©surpress

Die zehnminütige Fahrt zum Lidl – es ist bereits 12.30 Uhr und Kyriakos Mitsotakis hat seine Ansprache begonnen – wird zum Höllenritt. Was, wenn sich schon eine riesige Schlange an verzweifelten Kunden und Kundinnen gebildet hat? Wenn die Regale leer sind? Erhöhter Puls, das Herz schlägt doppelt so schnell und dann fast die Enttäuschung. Es gibt freie Parkplätze. Dutzende Einkaufswagen stehen vor der Tür. Der freundliche Wachmann lässt uns sofort eintreten.

Inzwischen steht fest, dass ab Samstag um 6 Uhr morgens fast nichts mehr gehen wird. Lockdown zum Zweiten, für erst einmal drei Wochen, jedoch mit einigen Erleichterungen. Kindergärten, Grund- und Sonderschulen bleiben geöffnet. Wie beim letzten Mal muss man sich, will man einkaufen gehen, vorher per SMS dazu anmelden. Das wird easy going sein: Die 2 tippen und es folgt die „Nun aber los“-Antwort.

„Papa, sind das die Donuts mit Alkohol?“, fragt ein kleiner deutscher Junge seinen Vater am Brotregal im ersten Lidl-Gang. Was der Erzeuger antwortet, bleibt unseren Ohren vorenthalten. Nur so viel, die handtellergroßen Krapfen mit Loch landen im Einkaufswagen. Isten trifft eine Bekannte. Man tauscht sich nicht über die harten Einschnitte, die die Lahmlegung des öffentlichen Lebens mit sich bringen wird, aus. Vielmehr, dass man heute und morgen Abend noch einmal ins Restaurant gehen würde. Zwei Mal noch aufbrezeln und sich Essen und Getränke servieren lassen, bevor die Hausfrau tut, wozu sie einst per Definition verdonnert wurde, zu kochen und zu servieren.

Hamstern will gelernt sein

Lidl, unser (deutscher)Einkaufswagen ©surpress

Es ist eine Frage der Einkaufs-Dramturgie. Zuerst zum Klopapier oder zuletzt? Die Spannung und Verzweiflung sofort in Angriff nehmen oder bis zum bitteren Ende aufsparen? Wenn man als Deutscher und Deutsche eines im ersten deutschen Lockdown gelernt hat, dann das Hamstern. Es liegt einem eh schon im Blut, bis Mai konnte es perfektioniert werden.

Und genau das machen nun zwei Deutsche im Lidl von Ierapetra. Alles doppelt in den XL-Wagen packen. Wen interessieren da noch Verfallsdaten, wen die Kapazität der eigenen Küchenvorratsschränke? Ein Einkaufswagen hat Grenzen, zumindest an drei Seiten. Nach oben jedoch ist viel Luft. Das Klopapier lagert unweit der Kassen. Wird dort eine Lücke klaffen? Wird um jede Rolle gekämpft? Nichts, aber auch gar nichts Aufregendes geht vor den Zellstoffrollen vor. Sie stapeln sich einfach nur. In den wenigsten Einkaufswagen sind sie zu finden. Fast nur in unserem.

Griechische Gelassenheit statt deutscher Hamsterei 

Ist der Lidl exemplarisch? Wir wollen es genau wissen. Um die Ecke, im Sklavenitis, das irgendwie schon erschütternde gleiche Bild. Klopapier für Wochen. Die Griechen, eine angstfreie Nation in Sachen Popoputzen, Helden des gemäßigten Einkaufs – wir sollten von ihnen lernen.

Schocknachrichten können zu Übersprungshandlungen führen. Ab Samstag bleiben zwar Supermärkte und Apotheken weiter geöffnet, nicht aber Klamottenläden wie der Benetton-Store im Zentrum von Iepápetra, der südlichsten Stadt Europas. Für die Hausabende bis zum Rückflug nach Berlin, von einem Flughafen-Lockdown war bisher noch nicht die Rede, kann ein neues Teilchen nicht schaden. Das ist schnell gefunden, eine schwarze, enge Kunstlederhose.

Lidl_Einkaufswagen eines Griechen ©surpress

Sofia, die hübsche junge Verkäuferin, freut sich über den kleinen Umsatz, den sie an ihrem vorletzten Arbeitstag vor Lockdown Nummer zwei machen kann. Wie es ihr denn mit der anstehenden Auszeit gehen würde, frage ich besorgt. Ein Strahlen, ein Lächeln geht über ihr Gesicht. „Ach das, alles gut“, antwortet sie so gelassen, wie Dimitris ein paar Stunden zuvor die Schultern gezuckt hat, „da ist viel Zeit zum Spazieren gehen und natürlich Schwimmen.“ Lockdown auf Kreta, möge er schnell kommen.

(Manuela Blisse)