Jeder Kreter kennt das Bergdorf Anogia, das 54 Kilometer von Rethymo und rund 36 km von Heraklion am Fuße des Psiloritis zu finden ist. Zu dessen Gemeindegebiet gehört die südlich gelegene Nida-Hochebene mit der Idäischen Grotte, deren Besuch man sich bei einer Fahrt nach Anogia in keinem Fall entgehen lassen sollte.

Taverne Xilouris ©PhotoArt Claudia Kleemann

Aufgrund der abgeschiedenen Lage haben sich in Anogia lokale Bräuche, Trachten und ein starker Dialekt bis heute erhalten. Tradition spielt für die Einwohner Anogias eine bei weiterem bedeutendere Rolle als in den meisten anderen Dörfern. Aus Anogia stammt Kretas bedeutendste kretische Musikerfamilie, Xylouris. Außerdem ist Anogia für seinen Reichtum an Schafen und Ziegen bekannt. Angeblich soll kein kretisches Dorf mehr davon besitzen (über 100.000 Tiere).

Die blutige Geschichte von Anogia 

Während des Zweiten Weltkriegs machte sich Anogia als Ort des Widerstands gegen die deutsche Besatzung einen Namen. Jedoch wurde das Dorf am 15. August 1944 von deutschen Truppen fast vollständig niedergebrannt und alle männlichen Bewohner erschossen. Grund für diesen Racheakt soll die Tötung eines deutschen Offiziers durch Partisanen und die Entführung des deutschen Generals Kreipe gewesen sein. Daher gibt es nur noch wenig alte Bausubstanz im Unterdorf. Das Oberdorf musste nach dem Zweiten Weltkrieg sogar völlig neu erbaut werden.

Am Rathaus entdeckt der Besucher ein steinernes Buch, von dem zwei Seiten aufgeschlagen sind. Auf der linken ist der Befehl des deutschen Generals Friedrich Wilhelm MĂĽller verzeichnet, Anogia dem Erdboden gleichzumachen. Die rechte Seite berichtet von der Verleihung eines griechischen Tapferkeitsordens an das Dorf im Mai 1946.

Viele Gedenktafeln und Denkmäler erinnern an die Gefallenen und den Widerstand des Dorfes in diversen Kriegen – auch an den Widerstand gegen das Osmanische Reich 1822 und 1867.

Essen wie sonst nirgendwo

Traditionelles Barbeque ©PhotoArt Claudia Kleemann

Anogia erstreckt sich sehr weitläufig und gliedert sich in ein Unter- und ein Oberdorf. Dabei besitzen beide einen eigenen Dorfplatz, die „Platia“. Beide Ortsteile gehen nahtlos ineinander ĂĽber. Heute ist Anogia ein beliebtes Wochenendausflugsziel kretischer Städter, da man angeblich nirgendwo so gutes Lamm essen kann wie hier.

Im Oberdorf befindet sich die kleine, im traditionellen byzantinischen Stil errichtete Kirche „Agios Georgios“. Um sie herum findet das Dorfleben statt. Ihre TĂĽr steht im Sommer bis nach Mitternacht offen. Vor der Kirche reihen sich die Tische und StĂĽhle des nahegelegenen Kafenions aneinander.

Die obere Platia bildet den Haltepunkt der Touristenbusse, weshalb sich hier auch einige Souverniershops angesiedelt haben. Als Besucher wird man abends gerne einmal auf einen Raki eingeladen und es gibt keinerlei Voreingenommenheit oder Hass gegen deutsche Urlauber.

Stolz, Tradition und Gastfreundlichkeit

In fünf Gehminuten erreicht man die untere Platia. Dort wird deutlich, dass die Anogier auf ihren Ruf als traditionsverbundene und freiheitsliebende Kreter sehr stolz sind. Viele der Dorfbewohner tragen noch immer die traditionelle schwarze Kleidung und die Sakiri, das kretische Fransenkopftuch.

In direkter Umgebung stehen die Büsten von Elefetherios Venizelos und die seines aus Anogia stammenden Intimus Vassilis I. Skoulas. Dessen Familienname gehört auch heute noch zu den renommiertesten Griechenlands. Ein Nachkomme der Familie Skoulas betreibt das Kafenion an der Platia. Auf Nachfrage kann man das Museum des Alkiviadis Skoulas besichtigen, der ein bedeutender naiver Maler war. Seine Gemälde und Holzschnitzereien stellen vor allem den Widerstand gegen die Osmanen und die deutschen Besatzer dar.

Ein berĂĽhmter Sohn Anogias: Nikos Xylouris

Der Musiker Xilouris ©PhotoArt Claudia Kleemann

Ein zweites Museum an der Platia erinnert an den berühmtesten Lyraspieler Kretas, Nikos Xylouris (1937-1980), der in diesem Haus geboren wurde. Es wird vor allem von Kretern gerne besucht. Die Musik von Nikos Xylouris ist noch immer in jedem CD-Shop der Insel erhältlich.

BerĂĽhmt ist auch die „Yakinthia“, ein groĂźes Fest der traditionellen kretischen Musik. Es findet jährlich im Juli in schönster Berglandschaft etwas auĂźerhalb des Dorfes statt.

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(Claudia Kleemann)

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