Unser Treffpunkt liegt irgendwo zwischen Ierapetra und Koutsounari. Für uns verwöhnte Flip-Flop-Junkies ist der Weg zum Strand nicht ganz einfach zu bewältigen. Über loses Geröll und kleine Felsbrocken bahnen wir uns den Weg, um die Leiter unserer außergewöhnlichen Meeres-Expedition zu treffen. Wir, das sind die „Leben auf Kreta“-Redaktionsmitarbeiter Tom und Ingo, und die, die wir treffen wollen, sind Michaelis, sympathischer Lebemann mit Hang zur Natur, und seine Lebensgefährtin Artemis, ein Energiebündel belgisch-griechischer Abstammung. Sie erwarteten uns bereits.

Mein Blick fällt auf die Ausrüstung, die die beiden bereits ausgebreitet hatten: lange Apnoe-Flossen, Taucherbrillen, Schnorchel, eine Harpune und eine Kühlbox. Wir schauen erst das unruhige Meer an und dann uns – scheinbar erwartet uns wirklich ein Abenteuer, denn das Tauchen mit Sauerstoffflasche hatten wir beide schon geübt, aber so ganz ohne? Egal, gekniffen wird nicht.

Faire Fischjagd

Michaelis und Artemis begrüßen uns herzlich. Ihr Englisch ist ausgesprochen gut und beide haben stets ein Lachen auf dem Gesicht. Wir setzen uns ans Ufer und lernen uns kennen. Die letzten Tage war es sehr heiß auf Kreta und die Sonne wärmt auch in den Abendstunden mehr als genug. Artemis erzählt, dass sie ihre Touren einem breiteren Publikum anbieten wollen. Ihre Passion ist das freie Tauchen im Meer. Sie will dessen Schönheit den Besuchern näherbringen, ohne dabei die Fische durch Atemgeräusche aus der Sauerstoffflasche zu verschrecken. Und wenn sich ein Fisch oder auch mal ein Hummer sehen lässt, deren Art nicht vom Aussterben bedroht ist, dann wird ihr Partner Michaelis ihn mit seiner Harpune schießen.

„Für Euren Grill“, sagt er. „Aber es gibt keine Erfolgsgarantie.“

Michaelis ist ein Mann, der die Natur liebt. Deshalb taucht er ausschließlich ohne Sauerstoffgerät, denn das sei nicht fair gegenüber dem Fisch, erklärt er. Einmal hätte er eine Sauerstoffflasche benutzt, um ein großes Boot unter Wasser zu reinigen. Da habe er gemerkt, dass dies zu einfach wäre. Stattdessen bevorzugt er es, 10, 15 oder 20 Meter tief zu tauchen, um die unendliche Stille des Meeres zu genießen. Er gerät ins Philosophieren, bevor ihn Artemis daran erinnert, dass wir uns eigentlich getroffen haben, um einen Bericht über diese Expedition zu schreiben.

Ungeschickt, aber durchaus mutig

Wir kommen uns schon etwas deplatziert vor, wie wir so in unseren bunten Badeshorts neben diesen beiden trainierten Tauchern stehen. Das wird auf dem Weg ins Wasser nicht besser – im Gegenteil, durch die Apnoe-Flossen watscheln wir wie zwei von der Hitze angeschlagene Pinguine über den Strand.

Erste Versuche mit den ungewohnten Apnoe-Flossen

Unbeschadet haben wir das Wasser erreicht, Putzen die Taucherbrillen und stecken uns den Schnorchel in den Mund. Na bitte, das hat doch schon mal geklappt. Zugegeben, bei Michaelis und Artemis sieht das alles um ein Vielfaches eleganter aus, aber die sind ja auch am Meer aufgewachsen, beruhigen wir uns. Wenn wir in einer oder eineinhalb Stunden wieder zurĂĽckkehren, dann werden wir bestimmt auch so professionell daherkommen. So zumindest unser Plan.

„Die meisten Fische werden wir dort am Felsen sehen“, erklärt Michaelis und deutet auf einen Steinbrocken, der recht weit entfernt aus dem Wasser ragt. Aber wir wollen uns die Gedanken nicht ansehen lassen und nicken zuversichtlich. Frei nach dem Motto: Klar, ein näher liegendes Ziel wäre auch nur etwas für Amateure.

Ein internationales Quartett, bei dem zwei wissen, was sie tun

Wir schnorcheln durch die aufgewühlte See und schnell merke ich, dass das Schwimmen mit Apnoe-Flossen durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Zwar kommt man etwas schneller voran, kämpft aber des Öfteren mit dem Gefühl, dass man in beiden Beinen Krämpfe bekommen und jämmerlich ertrinken könnte. Doch die Schönheit dessen, was man im Meer entdecken kann, lässt den apokalyptischen Gedanken schnell wieder vergessen.

Während wir uns durch die Wellen kämpfen, fotografiert und filmt uns Artemis, ohne dass wir viel davon mitbekommen. Man merkt, dass das Wasser ihr Element ist. Sie taucht geräuschlos in die Tiefen, um Aufnahmen vom Meeresboden aus zu machen. Ihre Bewegungen sind der Ausdruck purer Harmonie zwischen Körper und Meer. Gekonnt und elegant gleitet sie wie ein Fisch unter uns hinweg. Unwillkürlich denken wir beide, dass sich so nur Nixen bewegen können. Es ist beeindruckend.

Haben uns bereits die anmutigen Bewegungen von Artemis fasziniert, so verschlägt es einem beim Beobachten von Michaelis vollkommen den Schnorchel-Atem. Er schießt von der Meeresoberfläche in die Tiefe, jedes Mal, wenn er etwas Interessantes entdeckt. In Sekundenschnelle stößt er zum sandigen Boden hinab, um uns danach etwas zu präsentieren, was wir mit Sicherheit übersehen hätten. Mir wird klar, in wessen Hände wir uns begeben haben: Arielle und Aquaman. Und einige Meter über ihnen versuchen wir zu überleben – und dabei noch eine anständige Figur abzugeben. Schließlich wird alles auf Fotos und Film festgehalten. Ich drehe mich zu Tom, während das griechische Wasserballett um uns herumtanzt. Mir kommt nur ein Gedanke: Sie müssen uns für halbverendete Flusspferde halten, so, wie unförmig und plump wir an der Wasseroberfläche herumpaddeln.

Begegnung mit einem Feuerfisch (Teil 1)

Das Meer ist glasklar. Man kann den Boden sehen, auch wenn dieser sieben oder acht Meter unter einem ist. Zuerst war es steinig, plötzlich war nur noch Sand zu sehen und inzwischen tun sich unter uns wilde Steinformationen auf. Immer wieder unterbricht Michaelis die Tour zum Felsen, weist zum Meeresboden und erklärt, was es dort gerade zu entdecken gibt. Wir sehen verschiedenste Fische und Rochen. Wären wir alleine schnorcheln gewesen, so hätten wir wahrscheinlich 90 Prozent dieses Unterwasserzaubers übersehen. Die kurzen Pausen kommen uns entgegen, denn Tom und ich sind keine Konditionswunder und deshalb froh, einige Sekunden einfach nur auf der Stelle schwimmen zu können.

Farbenfroher Feuerfisch

Weiter geht`s, wir wollen noch mehr sehen. Mehr von dieser wunderschönen Unterwasserwelt, mehr von den anmutigen Bewegungen von Arielle und Aquaman. Michaelis zeigt auf einen Feuerfisch (Lion Fish). Er schwebt starr im Wasser und nichts an ihm bewegt sich – außer den kleinen durchsichtigen Flossen, die wild durcheinander flattern. Es ist wunderbar, diesen Fisch zu beobachten. Kaum vorstellbar, dass die Natur solch wunderbare Farben hervorbringt.

Begegnung mit einem Feuerfisch (Teil 2)

Wir erreichen den Felsen. Ein erster Teilerfolg. Trotz des Seegangs besteht keine Gefahr, dass wir Michaelis verlieren. Er hatte eine kleine Boje an seiner Harpune befestigt, weswegen wir immer wissen, wo er sich gerade aufhielt. Egal, ob über oder unter Wasser. Außerdem taucht auch die Nixe Artemis plötzlich auf, um lächelnd das ein oder andere Foto zu schießen. Danach verschwindet sie wieder irgendwo in der Tiefe. Um den Felsen herum gibt es viele Fische zu sehen, große, kleine, bunte und einige, die sich sofort nach deren Sichtung im Sand vergraben. Plötzlich entdeckten Tom und ich in einer Felsspalte drei Feuerfische. Für einen Moment sind wir überzeugt, dass wir durch den bahnbrechenden Fund das Geheimnis der Frei-Taucherei gelüftet haben und nun mindestens gleichauf mit unseren Lehrmeistern sind.

Der kleine Oktopus wird bestaunt.

Diese vermessene Annahme wird schnell widerlegt. Michaelis deutet einmal mehr in die Tiefe. Wir folgten seinem Fingerzeig und sehen – nichts. Gar nichts, so sehr wir auch mit den Augen den Grund absuchen. Er gleitet so schnell hinab, als wenn ihn ein schweres Gewicht hinabziehen würde. Vorsichtig greift er in eine kleine Öffnung und zieht etwas heraus. Unglaublich, es ist ein Baby-Oktopus, kaum größer als ein Apfel mit Armen. Vorsichtig hält er ihn in seiner Hand, während der Kleine immer wieder Tintenfontänen absondert, um seinen Fänger zu irritieren. Irgendwann jedoch ist der Tintenvorrat des kleinen Meeresbewohners leer und Michaelis setzt ihn vorsichtig auf Toms Hand. Während sich die winzigen Saugnäpfe um die Finger legen, spürt er die Zerbrechlichkeit des jungen Lebens in seiner Hand. Natürlich bringt ihn Michaelis kurz darauf wieder zurück in sein gut getarntes Unterwasser-Versteck.

Cowboy unter Wasser

Ich sehe, wie Michaelis seine Harpune spannt. Zugegeben, dass ist schon ein ebenso beeindruckender wie auch beängstigender Anblick. Kaum vorstellbar, welche Kraft ein herausgeschossener Pfeil entwickelt, wenn er sein Ziel trifft. Glücklicherweise taucht Michaelis vorsichtig und hält die Harpune ausnahmslos mit Zielrichtung gen Meeresboden. Wenn jetzt unser Abendessen vorbeikommt, dann werden wir Zeuge eines Harpunen-Blattschusses, sind wir überzeugt. Aber kein potenzieller Grillfisch kreuzt an diesem Abend unseren Weg. Auch nicht schlimm, es gibt ja hervorragende Restaurants auf Kreta, in denen man ein solches Mahl auch „aus der Konserve“ erhalten kann.

Die Sonne versinkt am Horizont und fĂĽr uns bedeutet das, den Weg zurĂĽck zum Strand anzutreten. Langsam spĂĽren wir, dass es kĂĽhl wird, weshalb etwas Bewegung beim Schwimmen und Tauchen gewiss nicht von Nachteil ist. Wir, das ungleiche Team, gleiten zurĂĽck durch die Wellen – zwei von uns wie Delphine, die anderen beiden wie trächtige Flusspferde…

Den Rückweg legen wir mit weniger Unterbrechungen zurück. Einmal jedoch hält Michaelis plötzlich an und taucht ab. Was hat er entdeckt? Wieder einen Fisch, den außer ihm kein anderer entdecken würde? Wir beobachten ihn und er scheint ein wenig aufgeregt zu sein. Er entfernt den Sand von einem Gegenstand, der auch nach der Säuberung für uns unerkennbar bleibt. Dann sucht er einen Stein und schlägt immer wieder auf eine bestimmte Stelle nahe diesem Gegenstand ein. Irgendwann denke ich, dass es langsam wieder Zeit wäre, um aufzutauchen. Aber Michalis schlägt weiter, während Artemis schon längst zu ihm hinabgeschnorchelt ist, um einige Unterwasser-Fotos zu machen. Nach einer gefühlten Ewigkeit taucht Michaelis auf, um kurz Luft zu holen. Er erklärt uns, dass er wahrscheinlich einen Gegenstand aus einem Schiffswrack gefunden hätte, welchen er gerne lösen würde. Leider sei dies nicht möglich, ohne die umliegende Gesteinsformation zu beschädigen.

Nacht-Picknick am Strand

Redaktionsmitglied Tom nach dem Abenteuer

Wir sind angekommen. Zufrieden und erschöpft fallen Tom und ich auf den Strand. Artemis und Michaelis gleiten aus dem Wasser und haben nicht einmal einen erhöhten Pulsschlag. Die Sonne ist untergegangen und wir sind glücklich wie selten zuvor. Ohne zusätzliche Hilfsmittel haben wir ein wunderbares Erlebnis inmitten der Natur gehabt und „fairerweise“ nicht einmal Sauerstofflaschen dafür genutzt. Es war phantastisch.

Strandpicknick nach dem Tauchgang

Artemis öffnet die Kühltasche und entnimmt ihr diverse Boxen mit Tomaten, Käse, Brot und Oliven. Sie richtet ein kleines Picknick für uns an, der perfekte Abschluss eines wunderbaren Abends. Geschafft und glücklich sitzen wir mit unseren griechischen Meeres-Reiseführern beisammen und schauen zum Mond hinauf. Mit Artemis und Michaelis gab es vom ersten Moment an keinerlei Berührungsängste, so dass wir schnell frei und offen über alles sprechen, was uns in diesem einmaligen Moment bewegt.

Michaelis überrascht uns, als er erzählt, dass es vor einigen Jahren in diesem Teil des Meeres noch gar keine Feuerfische gegeben hätte. Eine Strömung oder die Erwärmung des Meeres hätte sie wohl hierhergetrieben – genau wissen tut das niemand. Und was hatte es mit diesem ominösen Gegenstand unter Wasser auf sich, den er zu lösen versucht hat? Der Grieche deutet auf den Felsen.

„In dieser Richtung“, sagt er, „wurde im zweiten Weltkrieg ein deutsches Lazarett-Boot entdeckt. Die Bevölkerung ahnte, dass es sich dabei um ein Transportboot der Deutschen handelte, das Waffen mit sich führte. Und so versenkten sie es. Direkt vor uns, nur ein paar hundert Meter entfernt.“

Zwar habe die griechische Regierung das Gebiet anschließend abgesperrt, berichtet er weiter, um den Boden des Meeres von Waffen und ähnlichem zu säubern. Aber hin und wieder könne man doch einen kleinen (nicht militärischen) Schatz von diesem Boot finden. Das, was er vom Meeresboden holen wollte, war ein Geschirrstück dieses Schiffes. Wir glauben ihm. Schließlich ist er Aquaman.

Abschluss und Wiedersehen

„Aquaman“ Michaelis und „Arielle“ Artemis

Wir sitzen noch Stunden zusammen, reden, lachen, trinken Bier. Wir wollen nicht, dass dieser Abend endet. Irgendwann ist es dann aber doch vorbei. Wir haben ein Abenteuer erlebt, das für immer in unserem Gedächtnis bleiben wird. Einen Tag später treffen wir die Beiden zufällig und laden sie spontan ein, auf unserer Dachterrasse einen Wein mit uns zu trinken. Sie sagen zu und wieder wird der Abend ausgesprochen unterhaltsam. Neben vielen neuen Eindrücken haben wir zwei phantastische Menschen getroffen, die man einfach ins Herz schließen muss – egal ob an Land oder im Wasser.

Sie haben Interesse, an einer Apnoe-/ Freitauch-/Schnorchelexpedition? Sie finden weitere Informationen, unter https://www.facebook.com/TheSergianiCrete/

Kontakt zu Michaelis und Artemis können Sie unter der Emailadresse sergianicrete@gmail.com herstellen. Sie spricht Griechisch, Englisch und Französisch. Versprochen, Sie werden phantastische Menschen kennenlernen.

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