Kolumne Ingo Blisse

Vor wenigen Tagen erhielt mein elfjähriger Sohn im Erdkunde-Unterricht die Aufgabe, ein Plakat zu entwerfen, mit dessen Hilfe er sein persönliches Lieblingsland vorstellen sollte. Sofort war ihm klar, dass er Griechenland wählen würde, zumindest ab dem Moment, als ich ihm erklärt hatte, dass Kreta politisch betrachtet keine eigenständige Nation ist.

Teamwork ist alles

Da mein Jüngster ebenso wie sein Vater nicht gerade an ausgeprägtem malerischem Talent leidet, nahmen wir seine Hausaufgabe als Familienprojekt wahr. Faktensammlung durch den Junior, Bildgestaltung durch die beste Frau von allen und ich sah mich als das Oberhaupt der gesamten Aktion mit leicht diktatorischen Ansätzen.

Die anfängliche Unlust meines Sohnes war noch nicht durchbrochen, da musste ich ihn sanft in die richtige Richtung lenken. Seine Vorstellung war es eigentlich, mit wenig Vorarbeit frei von der Leber weg über Kreta und seine Einwohner zu schwärmen. Das klang ungefähr so:

„Auf Kreta leben tolle Menschen, die einem auch gerne etwas spendieren. Vor allem Marcos gibt oft eine Fanta aus. Wir haben ein Haus in einem sehr schönen Dorf. Da können wir so lange wach bleiben, wie wir wollen. Es ist immer sehr heiß auf Kreta. Da es viele tolle Strände gibt, ist das aber nicht schlimm. Das griechische Essen ist sehr lecker. Das Einzige, was die Griechen nicht können, ist Autofahren. Reicht das, Papa?“

Nun ja, vielleicht zu einem „Ausreichend“, wenn die Erdkunde-Lehrerin einen guten Tag hat. Aber eigentlich wollten wir mehr, denn Griechenland hat es allemal verdient. Also begannen wir damit, der Aufgabe entsprechend die wichtigsten Fakten herauszusuchen. Und siehe da, so manche Information war uns bis dato nicht bekannt: 10,7 Millionen Einwohner, der höchste Berg ist der „Olympus“, man spricht griechisch (gut, das hatten wir bereits geahnt), Patras ist größer als Heraklion und der längste Fluss ist der „Achelos“.

Zunehmend wachsende Begeisterung

Das Interesse meines Sohnes lag noch immer im weit unterdurchschnittlichen Bereich, denn seine Wahrnehmung von dem Land, vor allem von Kreta, hatte rein gar nichts mit derlei Informationen zu tun. Viel spannender wurde es allerdings, als es zu den Punkten „Besonderheiten“ und „Außergewöhnliches“ kam. Beispielsweise weckte der Fakt, dass kein Ort weiter als 136 Kilometer vom Meer entfernt ist, sein ungläubiges Interesse. Auch, dass Griechenland über 3.054 Inseln verfügt, beeindruckte ihn durchaus. Vor allem, weil Kreta sie flächenmäßig alle in den Schatten stellt. Apropos Schatten: durchschnittlich 300 Sonnentage im Jahr ließen auch ihn anerkennend die Augenbrauen heben.

Jetzt war Junior voll bei der Sache, wollte auch noch die Kuriositäten herausfinden, die die Griechen so einzigartig machen. Da muss man naturgegeben nicht lange suchen. Oder wer außer den Griechen kann schon auf eine Nationalhymne verweisen, die 158 Strophen besitzt? Auch der Fakt, dass Griechenland gar nicht Griechenland heißt, erfüllte ihn mit aufgeregter Freude und mich mit einem gewissen Stolz, dass mein Nachwuchs nun mit ehrlicher Begeisterung an einer schulischen Aufgabe arbeitete (was sonst eher eine Seltenheit darstellt).

Kindliche Kunst

Wenn die Liebe zu einem Land aus einem kindlichen Herzen spricht ©B. Blisse

Nach einigen weiteren recherchierten Besonderheiten ging es an die Gestaltung des Plakates. Für mich war dies der Moment, mich schweigend zurückzuziehen und meiner Frau und meinem Sohn das Feld zu überlassen.

„Aber passt auf, dass es nicht zu professionell aussieht.“

Dieser Hinweis war nötig, denn wie gesagt, die zeichnerischen Defizite meines Jüngsten waren mit Sicherheit auch seinen Lehrern bekannt. Und so schrieb er all die gesammelten Informationen liebevoll auf ein längliches Stück Pappe, während meine Frau einen Olivenzweig auf das Plakat zauberte und Unterstützung bei der griechischen Fahne leistete. Die Frage meines Jüngsten, warum dieses dumme Ding so viele Streifen zum Ausmalen besitzen würde, ließ ich unbeantwortet. Woher soll man so etwas auch wissen?

Wie es in unseren modernen Zeiten üblich ist, wurde das Lieblingsland schließlich nicht vor der Klasse präsentiert, sondern es musste vor der Kamera des Handys vorgestellt und dann hochgeladen werden. Interessant dabei war, dass mein Sohn seine Arbeit mit voller Begeisterung präsentierte. Nicht nur, weil ihm die Arbeit Spaß gemacht hatte, sondern vor allem, weil ihn dieses Land inzwischen wirklich in jede Faser seines Körpers eingebrannt ist und er von Herzen gerne darüber berichtet. Die erste Aufnahme war bereits perfekt und sofort danach fragte er, ob er sich das Plakat über sein Bett hängen dürfe. Natürlich durfte er. Ich dachte nach, ob auch ich jemals eine schulische Arbeit in meinem Kinderzimmer ausstellen wollte. Die Antwort war schnell gefunden: Nein, niemals! Aber damals kannte ich auch Kreta noch nicht…

Die Zensur für diese Arbeit steht noch aus, aber ehrlich gesagt interessiert sie uns nicht. Das Erlebnis, meinen Sohn begeistert an seinem Plakat arbeiten zu sehen, seine Liebe zu Griechenland zu spüren, ist viel, viel wichtiger. Und als wir Stunden später in seinem Bett lagen und ich versuchte, ihn zu bewegen, doch endlich seine Augen zu schließen, sah er sich sein Plakat noch einmal an und sagte: „Ich freue mich so sehr auf die nächste Kreta-Reise. Schließlich weiß ich jetzt alles über die Leute und kann denen ihr Land erklären.“

Na dann, gutes Gelingen….

 

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